Das Magazin für Geschlechtergerechtigkeit
21.03.2024
3 Min. Lesedauer
Vivian Sper
In Buch des Monats

„Little Leaders“: Buchrezension

Die Geschichten der Schwarzen Frauen in Vashti Harrisons Kinderbuch inspirieren – und sie fordern heraus: ins Gespräch zu kommen und mutig zu sein.

Wer kennt die Frau, die sich bereits Jahrzehnte vor Rosa Parks weigerte, ihren Platz im öffentlichen Verkehrsmittel zu räumen? In jedem Fall zu wenige Menschen und speziell Kinder – findet Vashti Harrison, Autorin und Illustratorin des Buchs „Little Leaders“, das in seiner deutschen Übersetzung im Zuckersüß Verlag erschienen ist.

Neben Ida B. Wells, die auf ihren Platz im Zug bestand, portraitiert Harrison insgesamt 40 Schwarze Frauen, deren Lebensgeschichten vor allem die jungen Menschen begeistern und inspirieren sollen, denen die Gesellschaft Identifikationsfiguren lange verwehrt hat.  

Die vielen Gesichter des Anti-Rassismus

Jeder Frau ist eine Doppelseite gewidmet: Der Kurz-Biografie steht jeweils eine Illustration gegenüber, welche die Charaktereigenschaften oder Tätigkeiten der Person aufnimmt. Auffällig ist, dass die Gesichter in jeder Darstellung gleichbleiben; ein zufrieden lächelnder Mund mit geschlossenen Augen. Es gehe – so verdeutlicht Autorin Harrison bereits zu Beginn des Buchs – nicht um eine realitätsgetreue Zeichnung der mutigen Frauen. Vielmehr ist ihr Anliegen, dass jedes Schwarze Kind sich in die Gesichter und die Geschichten hineinfantasieren kann.

„Sich selbst in der Geschichte eines anderen Menschen zu sehen, kann das Leben verändern.“ (Vashti Harrison)

Doch die gleichen Gesichter haben einen zweiten Effekt: Sie deuten an, dass diese vielen Leben miteinander verwoben sind. Fast wünscht man sich, die Frauen säßen alle an einem Tisch und könnten sich austauschen über die ähnlichen Kämpfe und Erfahrungen – und sich feiern für ihr Lebenswerk.

Deutlich wird auch die Vielfalt des antirassistischen Kampfes: ob als Spionin wie Mary Bowser oder als Krankenpflegerin wie Mary Eliza Mahoney.

Erfolgsstories ohne Verklärung

Und obgleich der Anspruch „Leaders“ zu portraitieren, anmutet, als seien nur Erfolgsstories vertreten, ist das nicht der Fall.Das Kinderbuch spart detaillierte Grausamkeiten aus und schafft es doch, Rückschläge und Widersprüche als solche zu benennen. Die erste Afroamerikanerin, die 1956 ein Grand-Slam-Turnier gewann, Althea Gibson, durfte zum Beispiel nicht zusammen mit den weißen Spieler*innen essen oder die Umkleidekabine benutzen.

Klar ist also: Neben die Faszination für die Leistungen der Frauen, gesellen sich Fragen – besonders wenn das Buch mit Kindern gelesen wird. Komplexe Begriffe wie „Segregation“ werden in einem Glossar am Ende des Buchs verständlich erklärt. Im Buch selbst werden sie gefettet, was (Vor-)Lesenden eine Hilfe sein kann. Gerade für einen deutschsprachigen (Schul-)Kontext, in dem bisher leider zu wenig und zu spät über Anti-Schwarzen Rassismus gesprochen wird, wäre ein ausführlicheres Glossar noch wünschenswert. Trotzdem: Einen Gesprächsanlass, um beispielsweise Sklaverei zu thematisieren, aber auch die Lebensrealitäten Schwarzer Frauen in Deutschland bietet das Buch alle mal. Denn für die deutsche Fassung hat Übersetzerin Ciani-Sophia Hoeder die Biografien drei Afrodeutscher Frauen ergänzt.

Lust auf Recherche vorprogrammiert

Durch die kurzen aber extrem lebendigen Portraits der Frauen wird in jedem Fall etwas in Gang gesetzt: eine unbändige Neugier. So stand ich beim Lesen stets mit einem Bein knietief in der weiteren Recherche:

  • Wie sehen die Gemälde von Alma Woodsey Thomas aus?
  • Wo kann ich einen Gedichtband von Phillis Wheatley kaufen?
  • Wie klingt die Opernsängerin Marian Anderson?

Daher ist das Buch auch uneingeschränkt allen Lesenden zu empfehlen: Denen, die nach Vorbildern für sich oder für Kinder suchen und denen, die sich den Leerstellen in ihrem Wissen widmen.

Die Frauen aus „Little Leaders“ saßen nie an einem Tisch zusammen, aber sie sind nun in einem Buch vereint, das eine wunderbare Einladung ist, das Leben mutig und kämpferisch zu gestalten.


Vashti Harrison
Übersetzt von Ciani-Sophia Hoeder
Little Leaders
Zuckersüß Verlag

ISBN: 978-3-9493-1513-8

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Vivian Sper trägt langes dunkles Haar und lächelt in die Kamera.
Vivian Sper
Vivian Sper ist Bildungsreferentin und betreut das Magazin Geschlechtersensible Pädagogik redaktionell. Sie studierte u.a. Gender Studies und schreibt am liebsten über Popkultur, Feminismen und Literatur.
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