In welcher Lebenslage vermutest du Lesende eurer „Orientierungshilfe“, oder anders gefragt: Für wen ist das Buch besonders geeignet?
Wir denken in erster Linie an Mütter und Väter, die selbst hetero und cis sind, sich dabei als offen und tolerant verorten, vielleicht auch queere Menschen in ihrem Umfeld kennen, zum Beispiel am Arbeitsplatz – aber dann doch innerlich ins Stolpern kommen, wenn das eigene Kind sich auf die ein oder andere Weise outet. Weil sie merken: Ganz so selbstverständlich ist mein Umgang damit dann vielleicht doch nicht, wenn es eine mir so nahe Person wie mein Kind angeht. Wobei die Bandbreite natürlich groß ist, und das wollen wir auch abbilden. Es ist etwas anderes, ob Eltern schon bei einem Kind im Kita-Alter merken, dass es sich nicht in dem ihm zugewiesenen Geschlecht wiederfindet, möglicherweise transgeschlechtlich ist – oder ob ein Teenager beim Abendbrottisch nebenbei eine Bemerkung macht, er oder sie könne vielleicht bisexuell sein. Das bringt ja ganz unterschiedliche Konsequenzen mit sich. Aber so oder so wünschen wir uns, dass Eltern nach der Lektüre das Thema sexuelle und geschlechtliche Vielfalt besser verstehen und auch ihre eigenen Gefühle im Umgang damit. Diese Informationen sind aber auch für andere Menschen wichtig, die Kindern und Jugendlichen nah sind, etwa in der entfernteren Verwandtschaft, im Freundeskreis, oder auch als Lehrpersonen, Sporttrainer*innen und ähnliches.
Welche Rolle spielen Eltern in einem möglichen Coming-Out-Prozess? Und welche Rolle sollten sie lieber nicht spielen?
Eltern können im besten Fall ein echter „Safe Space“ sein. Wenn wir wissen, dass etwa jedes zweite Kind, jede*r zweite Jugendliche aus der queeren Community während der Schulzeit Mobbing erfährt, wenn wir uns klar machen, dass Gewalt gegen diese Gruppe steigt, dann wird die Wichtigkeit der eigenen Familie bewusst. Wenn Eltern ihren Kindern das grundsätzliche Gefühl vermitteln: Wir lieben dich, wie du bist, wir unterstützen dich auf deinem Weg, wir versuchen nicht, dich in eine Richtung zu drängen, dann ist das eine unschätzbare Quelle von Stärke und Selbstbewusstsein. Das heißt nicht, dass Eltern keine Fragen stellen dürfen, und es ist auch okay, für sich selbst Zeit zu brauchen, um mit dieser vielleicht unerwarteten Erkenntnis – mein Kind fühlt ganz anders als ich – klarzukommen. Aber der grundlegende Rückhalt, der sollte immer da sein.
Umgekehrt ist es wichtig, dass immer das Kind das Tempo vorgibt: So ist es gerade bei trans Kindern und -Jugendlichen wichtig, sie selbst bestimmen zu lassen, vor wem, wann und wie sie sich offenbaren.
Es kann durchaus im Sinne des Kindes sein, wenn es erstmal nur innerhalb der Kernfamilie ausprobieren kann, wie sich ein anderer Name anfühlt oder die Kleidung des empfundenen Geschlechts, ohne gleich alle einzubeziehen, die Großeltern, die Klassenkamerad*innen. Dann sollten Eltern ihr Kind auf keinen Fall drängen. Sondern so eine Zeit der Ungewissheit, des Suchens akzeptieren, auch, wenn es vielleicht schwerfällt und man sich Klarheit wünscht
Der Buchtitel lautet „Queere Kinder“. Zunächst dreht sich das Buch jedoch vor allem um den Umgang mit dem eigenen Gefühlschaos als Elternteil. Warum ist dieser so wichtig?
Weil ich ja nur dann den Rückhalt geben kann, der Safe Space für mein Kind sein, wenn ich mit mir selbst im Reinen bin und wenn ich auch weiß, wohin mit Verwirrung und vielleicht auch Trauer. Es ist wichtig, das für sich selbst zu trennen. Aus Elterngesprächen wissen wir, dass es gerade bei trans Kindern eine große Bandbreite auch an Elterngefühlen gibt. Manche erzählen, dass sie nur kurz schlucken mussten und dann sofort gespürt haben: Das ist mein Kind, das liebe ich unabhängig vom Geschlecht, für mich ändert sich gar nicht so viel. Und andere sagen: Ich unterstütze mein Kind, aber ich trauere auch um das Bild, die Vorstellung, die ich früher von mir hatte. Die Mutter eines trans Sohnes sagte uns einmal: Manchmal vermisse ich mein Mädchen noch immer – auch wenn ich heute weiß, dass er im Inneren immer ein Junge war. Wichtig ist dann, diese Gefühle für sich zu trennen: Also dem Kind allen Support zu geben, den es braucht, aber sich auch einen Platz zu suchen für den eigenen Struggle, sei es eine vertraute Freundin, sei es eine Gesprächsgruppe mit anderen Eltern, denen es ähnlich geht oder auch eine Psychotherapie. Denn nur wenn ich gut für mich selbst und meine Gefühle sorgen kann, dann kann ich meinem Kind auch ein gutes Elternteil sein.
Du reflektierst in dem Buch auch deine persönlichen Erfahrungen und Gefühle als Mutter eines queeren Kindes. Deinen zu Anfang betont ‚coolen‘ Umgang mit dem Coming Out deiner Tochter* stellst du infrage. Wie ist das gemeint?
Nun, tatsächlich ist ja meine persönliche Erfahrung der Impuls gewesen, dieses Buch zu schreiben und mir dabei meine tolle Kollegin und Freundin Christiane mit ins Boot zu holen, die den fachlichen Hintergrund als Sexualwissenschaftlerin mitbringt. Denn das ältere meiner beiden Kinder, das mittlerweile volljährig ist, hat sich in der Pubertät erst als bi, dann als nicht-binär geoutet – deshalb schreibe ich Tochter* im Text auch mit Sternchen.
Und ja, auch ich kenne dieses Gefühlchaos, wenn sprichwörtlich Engelchen und Teufelchen auf zwei Schultern sitzen. Sowohl eine innere Stimme, die sagt: Hey, wir leben im 21. Jahrhundert, du bist eine aufgeklärte und gebildete Person, und selbstverständlich weiß dein Kind am besten über seine Identität Bescheid. Als auch eine reaktionäre Gegenstimme, die mir ins Ohr blökt: Alles Quatsch, ein Mädchen ist ein Mädchen ist ein Mädchen, sieh zu, dass die sich wieder einkriegt!
Für mich war die Erfahrung über mehrere Jahre aber auch eine Chance für inneres Wachstum, ich habe viele meiner Glaubenssätze überdacht, abgelegt, mich auch nochmal mit der Frage auseinandergesetzt, wie ich mich selbst als Frau erlebe und bin heute vor allem sehr stolz auf mein Kind. Besser gesagt: eine selbstbewusste junge erwachsene Person, die sehr genau weiß, wer sie ist.
Für das Buch habt ihr viele Stimmen und Perspektiven eingefangen: die einer Psychotherapeutin, eines Soziologen, die von Aktivist*innen, Jugendlichen und queeren Erwachsenen. Gibt es ein Gespräch, das dir besonders in Erinnerung geblieben ist?
Da muss ich lang überlegen, weil es so viele berührende, aber auch intellektuell spannende Begegnungen gab! Aber am eindrücklichsten war am Ende doch das Gespräch mit einer Familie – Vater, Mutter, und ein damals 16-jähriger trans Sohn – , die sehr offen über den langen Weg gesprochen haben, den sie zusammen zurückgelegt haben. Der Junge – im Buch nennen wir ihn Alex – hat auch sehr offen von seinen psychischen Nöten gesprochen, war schwer depressiv bis hin zu Suizidgedanken und hat auch eindrücklich geschildert, wie lang dann auch der Weg zurück zu psychischer Gesundheit war, auch nach Beginn seiner körperlichen Transition mit Hilfe einer Hormonbehandlung. Wenn ich manchmal erlebe, wie unreflektiert bestimmte Politiker*innen, aber auch Journalist*innen sich zu dem Thema äußern, denke ich immer: Wie viele Gespräche dieser Art habt ihr geführt? Ist euch eigentlich klar, was es für eine Herausforderung, für ein innerer Kampf ist, wenn das äußerlich Sichtbare nicht mit dem inneren Geschlechtsempfinden übereinstimmt?
„Das ist nur eine Phase!“ Bei solchen Aussagen können viele Menschen nur noch die Augen rollen. Ihr widmet euch Mythen und Vorurteilen dagegen überaus sachlich und ausführlich, wie etwa der Frage, ob es körperliche Ursachen für Homosexualität gibt. Welcher Ansatz steckt dahinter?
Ich glaube – und ich nehme mich selbst davon auch gar nicht ganz aus! – , dass das Thema Sexualität und Geschlecht vielen Menschen dort Angst macht, wo es uneindeutig wird, wo sich Kategorien auflösen. Weil wir für unsere Identität eine gewisse Sicherheit darüber brauchen, wer wir sind, auch geschlechtlich und sexuell und weil Menschen uns herausfordern, die die Verhältnisse zum Tanzen bringen. Daher verstehe ich auch die Sehnsucht nach einem klaren körperlichen Marker, der erklärt, woher Transgeschlechtlichkeit kommt oder auch sexuelle Orientierung. Denn dann könnte man den Finger drauflegen und sagen: klar, hier Ursache, da Wirkung. Aber so einfach ist es nicht. Jahrelang war ein ominöses „Schwulen-Gen“ in der Diskussion (und hat sich als völlig unzureichende Erklärung herausgestellt), heute gibt es kleinere Studien, die zum Beispiel Transgeschlechtlichkeit mit bestimmten Hirnstrukturen in Verbindung bringen. Das mag ja sogar stimmen, aber unser Ansatz ist eher:
Der Mensch ist komplex, und im Grunde bringt jede*r einen ganz individuellen sexuellen und geschlechtlichen Fingerabdruck mit, der sich nicht bis ins Letzte erklären lässt.
Auch wenn die große Mehrheit sich mit ihrem Fingerabdruck in die üblichen Kategorien einordnen lässt – Mann, Frau, hetero, homo – und die wollen wir auch gar nicht abschaffen. Aber wir sollten eben auch jeder Person zugestehen, sich außerhalb oder dazwischen zu verorten, in ihrer Sexualität oder ihrem Geschlecht nicht eindeutig sein zu müssen. Das nimmt niemandem etwas weg, aber es erlaubt anderen, sie selbst zu sein – eben auch außerhalb festgelegter Normen und Grenzen.

Queere Kinder
Beltz Verlag
ISBN: 978-3-407-86768-1
