Wir alle haben Rechte, die uns das Grundgesetz garantiert: In Bezug auf Geschlecht sind dies das Recht auf Gleichheit vor dem Gesetz und das Recht auf Gleichberechtigung aller Menschen unabhängig von ihrem individuellen Sein und gesellschaftlichen Status (Artikel 3). Aber das mit dem Recht haben und Recht bekommen ist so eine Sache. Besonders in diesen Bereichen zeigt sich das immer wieder:
- Frauen* sind seit 1949 vor dem Gesetz gleichberechtigt, doch die Liste ihrer Benachteiligungen, allein, weil sie Frauen* sind, bleibt weiterhin lang und wird von der Politik nur sehr zögerlich abgebaut.
- Trans*- und inter*geschlechtliche Menschen haben zwar formal die gleichen Rechte wie cis- und endogeschlechtliche Personen, sind aber nach wie vor nicht rechtlich gleichgestellt und erfahren Ausgrenzung und Gewalt.
- Patriarchale Strukturen und toxische Männlichkeitscodes wirken weiterhin gesellschaftlich und individuell schädlich, dennoch bleibt diese Form der Männlichkeit immer noch strukturell dominant.
Die Umsetzung des Rechts auf Gleichheit und Gleichberechtigung wurde und wird seit Jahrzehnten von Interessensgruppen und politischen Strömungen angemahnt und eingefordert: Frauenbewegungen, queere Gruppierungen, Gesetzesinitiativen, Petitionen, Parteien – lange Zeit war der Kampf um Gleichstellung eine Angelegenheit von Kollektiven, parlamentarisch und außerparlamentarisch.
Immer aber waren es Gruppen, die sich für Gruppen eingesetzt haben und zur Modernisierung der Gesellschaft beitrugen.
Vom Kollektiv zum Individuum
In den vergangenen 30 Jahren ist eine zunehmende gesellschaftliche Verschiebung vom kollektiven Ganzen zum Individuum zu beobachten. Alte soziale Bindungen lösen sich sukzessive immer weiter auf. Die Zeiten, in denen Arbeiter*innen sozialdemokratisch wählten, Katholik*innen keine Menschen evangelischen Glaubens heiraten durften oder in der Gesellschaft klar voneinander trennbare Klassen zu erkennen waren, scheinen vorüber. Stattdessen tritt das Individuum samt seiner Rechte und Bedürfnisse in den Vordergrund. Soziale Milieus verlieren ihre Zugehörigkeits- und Orientierungsangebote für die Menschen – damit aber auch gleichzeitig ihren sozialen Erwartungsdruck, sich in bestimmter Weise verhalten zu müssen oder politische Einstellungen zu pflegen. Die Gesellschaft individualisiert sich mit allen Vor- und Nachteilen, die damit einher gehen: Die Bedeutung der*des Einzelnen steigt, ebenso wie Spielräume, sich gesellschaftlich zu positionieren.
Neben parlamentarischer Politik und Zivilgesellschaften tritt der einzelne Mensch zunehmend als Interessenvertreter*in der eigenen Ansprüche oder der benachteiligter Gruppen auf – sei es als Aktivist*in oder als Ally.
Möglich ist dies nicht zuletzt, weil es mit Social Media eine öffentliche Bühne gibt, die von jeder Person betreten werden kann. Jeder*r kann sich Gehör verschaffen, ohne Umwege über Partei- oder Gruppenzugehörigkeiten, ohne eine Initiative gründen oder ihr beitreten zu müssen. Kurz: ohne, dass mensch Andere dazu braucht.
Auf Social Media sind alle Kanäle gleich – aber nicht gleichwertig
Hier treffen also zwei Entwicklungen aufeinander, die gesellschaftliche Gefüge und politische Willensbildungsprozesse deutlich verändern: Die großen Player der Meinungsbildung wie TV, Radio und Printmedien stehen heute in Konkurrenz zu den Möglichkeiten von X, Instagram, TikTok und Co. Dort können Menschen sich jederzeit aussuchen, von wem sie sich informieren lassen oder welche Positionen sie aufnehmen wollen, um sich eine eigene Meinung zu formen, wiewohl die Algorithmen diese “Freiheit” immer stärker lenken. Insbesondere junge Menschen nutzen zunehmend Social Media als Hauptinformationsquelle.
Im schier unendlichen Angebot von Social Media können junge Menschen auch wählen, ob sie ihre Meinungsbildung durch Kanäle öffentlich-rechtlicher Medien, durch Parteien oder Politiker*innen oder durch Influencer*innen gestalten wollen. Die Schwierigkeiten dabei:
- All diese Angebote stehen auf den Plattformen nebeneinander, wodurch investigativer Journalismus, kritische Forschung, politische Äußerungen und persönliche Meinungen so weit verschwimmen, dass sie als gleichwertig erlebt werden. Die Kanäle sind nicht danach gekennzeichnet, ob ihre Inhalte überprüft, erforscht oder kühn behauptet bis erfunden sind.
- Welche Beiträge User zu sehen bekommen, bestimmen die Plattformen (mit).
Das ist ein großes Problem für die Demokratieentwicklung, weil Fake News als ebenso wichtig oder echt erscheinen können wie recherchierte, faktenbasierte Inhalte. Das Individuum ist ständig herausgefordert, die Glaubwürdigkeit selbst einzuordnen. Es sind einzelne Menschen, die auf die Inhalte zugreifen und diese oftmals nicht innerhalb einer Gruppe besprechen und einordnen. Debatten finden in den Kommentaren der Posts statt mit Fremden, wobei hier eher Statements abgegeben werden als miteinander um die eigene Position zu ringen.
Gleichzeitig bieten Social Media nie gekannte Möglichkeiten demokratischer Partizipation und Gestaltung: Überall gibt es die Möglichkeit, sich einzumischen, Meinungen zu bilden und wieder zu verwerfen. Jederzeit ist es möglich, individuell zu entscheiden, wer glaubwürdig erscheint oder wem Meinungsmache oder platte Lügen zugeschrieben werden. Influencing und Following sind insoweit auch moderne Formen zivilgesellschaftlichen Engagements und Partizipation. Ein passender Ort also auch für Gleichstellungspolitik! Oder?
Social Media als Aktionsfeld für und gegen Gleichstellung
Die meisten Organisationen, die zu Gleichstellungsthemen und zur Gleichberechtigung der Geschlechter arbeiten, sind inzwischen auch auf verschiedenen Social Media Kanälen präsent, insbesondere auf Instagram. Gleichzeitig wächst die Zahl an Influencer*innen, die mit ihrem Content Geschlechterfragen aufgreifen und sich dabei eindeutig verorten: für oder wider Gleichberechtigung, für konservative Rollenbilder oder für die Anerkennung von Queers. Influencer*innen wollen mit ihren Messages Meinung(en) bilden – und Geld verdienen. Deshalb müssen sie gleichzeitig immer im Blick haben, dass ihre Themen und Darstellungsformen Reichweite generieren.
Mehr Emotionen und Unterhaltung bedeuten mehr Follower und damit Einkommen. Je eindeutiger die Messages sind, umso leichter finden sich Menschen, die folgen. Und so haben Influencer*innen, die sich mit eindeutigen und plakativen Positionen zeigen, schnell mehrere hunderttausend Follower*innen.
Damit sind sie sehr mächtige Stimmen im Gleichstellungsdiskurs: Sie beeinflussen Gleichstellungspolitik direkt in den Köpfen derer, die ihnen folgen.
Das haben auch rechte Parteien und konservative Influencer*innen verstanden. Sie führen einen öffentlichen Kampf für die Rückkehr zu traditionellen Rollenverteilungen – mit dem männlichen Ernährer und der sorgenden Hausfrau in der heterosexuellen Ehe als einzig akzeptabler Form der Lebensgestaltung – und werben für die Wiederanerkennung eines binären Geschlechterverständnisses.
Hier hat sich ein neues Feld aufgetan, auf dem Geschlechterverhältnisse ausgehandelt werden und auf das Politik, Forschung oder gleichstellungsorientierte Organisationen kaum Einfluss haben: Der Content von Influencer*innen besteht meist aus kurzweiligen, unterhaltsamen Videos mit direkter Ansprache und klaren Positionen. Sie entsprechen den Sehgewohnheiten ihrer Follower*innen und prägen diese gleichzeitig. Influencer*innen, die sowohl als Gleichstellungsaktivist*innen als auch als Freiberufler*innen agieren, werden sukzessive zu immer stärkeren Meinungsmacher*innen in Geschlechterfragen. Je nach Botschaft der Influencer*innen kann dies als direkte Demokratiebildung und Förderung der Gleichberechtigung wirken – oder eben auch als Gegenteil davon. Und alles findet im Privaten und gleichzeitig in größtmöglicher Öffentlichkeit statt.
Was tun?
In der pädagogischen Arbeit sind wir aufgefordert, uns mit diesem „neuen“ Phänomen der Meinungsbildung zu beschäftigen. Influencer*innen sind (in den allermeisten Fällen) keine Pädagog*innen. Sie haben keinen Auftrag zur Gesellschaftsbildung, bewegen sich aber durchaus in diesem Feld. Junge Menschen holen sich vielfach online ihre Weltbilder ab – deshalb müssen wir wissen, wer auf Social Media welche Inhalte und Positionen verbreitet. Wer mit Jugendlichen arbeitet, sich mit Gleichstellungspolitik oder geschlechtersensibler Pädagogik beschäftigt, tut gut daran, sich diesem Phänomen anzunähern und sich die Welten des Influencing zu erschließen, die Millionen oftmals junger Follower*innen erreicht und in ihren Sichtweisen (mit) prägt. Es gibt viele gute Beispiele insbesondere junger Influencer*innen, die Gleichaltrige erreichen und die mit ihren Kanälen wichtige Beiträge zur Gleichstellung der Geschlechter und zur Anerkennung von Vielfalt leisten. Diese gilt es auch in der pädagogischen Arbeit aktiv zu pushen.
