Das Magazin für Geschlechtergerechtigkeit
28.04.2025
4 Min. Lesedauer
Redaktion GSP
In Magazin/ Buch des Monats

„Wenn das Patriarchat in Therapie geht“: Interview mit Katharina Linnepe

Über Therapie-Sprech und die Frage, ob das Patriarchat heilbar ist
Buchcover vor grünem Hintergrund. Das Cover ist orange gestaltet mit lilafarbender Schriftfarbe und der Abbildung einer Couch

Katharina, dein Buch ist eine Therapiemaßnahme, dir gegenüber sitzt das Patriarchat. Wie hat der Patient zu dir gefunden?  

Sein Image hat in den letzten Jahrzehnten deutlich gelitten – auch wenn das Patriarchat seit einiger Zeit in Form eines antifeministischen Backlashs, der es in sich hat, wieder zurück an die Macht und die Mitte der Gesellschaft findet. Nichtsdestotrotz: Die von ihm verhassten Feminist*innen und Wokeness-Verfechter*innen lassen unseren Patienten (ich therapiere im Verbund mit allen Leser*innen) in einem ziemlich uncharmanten Licht dastehen. Und das möchte er selbstverständlich nicht auf sich sitzen lassen. Denn unser Patient möchte weitere zehntausend Jahre Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und das Rollenverständnis der Menschen maßgeblich beeinflussen. Mindestens. 

Du spielst mit den psychotherapeutischen Verfahren aber auch psychologischen Diagnosen, wie Narzissmus. Warum dieses Setting?  

Therapie-Sprech – so könnte man unseren tagtäglichen Gebrauch von Begrifflichkeiten wie „toxische Beziehungen“, „inneres Kind“, „Trigger“ oder eben „Narzissmus“ nennen – ist im Trend, auch und gerade auf Social Media. Das hat positive und negative Seiten. Grundsätzlich halte ich es für eine wünschenswerte Entwicklung, dass wir beginnen, ein gesellschaftliches Alltagsbewusstsein für die Relevanz unseres Seelenlebens und unserer Beziehungen zueinander zu entwickeln. Ebenso wichtig ist es auch, sich einen soliden Wortschatz anzueignen, um das, was in einem selbst los ist, und das, was zwischen uns passiert, zu vermitteln. Es zeugt von Selbstermächtigung, all das kompetent ausdrücken zu können.

Aber selbst als Nicht-Psychotherapeutin ist mir klar, dass ein inflationärer, unreflektierter Gebrauch von Fachtermini und Tiktok-Pseudo-Diagnosen nicht im Sinne der Erfinder*innen ist. Ich erkenne allerdings noch eine Gefahr in unserem digitalen und analogen Interesse an der (Selbst-)Heilung innerer Kinder und Persönlichkeitsentwicklung um jeden Preis: dass wir strukturelle Missstände aus dem Blick verlieren oder schlimmstenfalls sogar zum Selbstmakel umdeuten.  

Ein Beispiel: Es kann sehr hilfreich sein, im Rahmen eines Coachings an Glaubenssätzen und dem persönlichen Verhandlungsgeschick vorm nächsten Gehaltsgespräch zu arbeiten. Ein Gender Pay Gap von 18 Prozent lässt sich aber nicht von Einzelpersonen wegmeditieren. Für manches (vieles) tragen wir nicht die alleinige Verantwortung, da müssen wir gemeinsam ran. Und genau hier setzt mein Buch an, zur Entlastung unserer müden Seelen im aktuellen Weltgeschehen. Wir drehen mit vereinten Kräften den Spieß um, setzen unsere verhaltensauffällige, ziemlich kaputte und schädliche Gesellschaftsgrundlage uns gegenüber und fragen: „Moment mal, wer von uns hat hier eigentlich das Problem?“

Was bei diesem eigentlich lustigen Gedankenexperiment herauskommt, ist eine „Diagnose“, bei der einem eigentlich das Lachen im Halse stecken bleibt: Wäre das Patriarchat ein (einziger) Mensch, würde es Wesenszüge gleich dreier antisozialer Persönlichkeitsstörungen aufweisen. Eine soziale Ordnung, die durch und durch antisozial ist – wie passt das zusammen, und wollen wir das? 

Du beschreibst das Patriarchat unter anderem als “narzisstische[n] Ex mit einem Blumenstrauß in der einen Hand und dem Handy für Telefonterror in der anderen.” Wie ist das gemeint? 

Momentan, da AfD-Politiker auf Tiktok Jugendlichen entgegenbrüllen, wie ein „echter Mann“ zu sein hat, und Tradwives eine uralte Hausfrauenästhetik instagramable machen, sieht es nach dem großen Comeback des Patriarchats aus – auf dass es sich in möglichst vielen Folgegenerationen reproduzieren möge. Auch in real life ist das Patriarchat wieder auf dem Vormarsch, in Form sehr alter, sehr weißer, sehr mächtiger (Staats-)Männer. Aus diesen Entwicklungen spricht die Verheißung, dass früher doch alles besser war, alles seinen Sinn und seine Ordnung hatte. Man hört das Patriarchat förmlich überall flüstern: „Weißt du noch…?“ Genau an diesem Punkt sollten wir (gesellschaftlich) standhaft bleiben und uns in Erinnerung rufen, warum wir diese toxische Beziehung zum Patriarchat einst verlassen wollten.

Denn solch ein Ex verfolgt nie romantische Ziele, sondern den Plan, die Kontrolle über unser Leben zurückzugewinnen. Im Fall des Patriarchats sogar die Kontrolle über den weiteren Lauf der Geschichte. Mein Beziehungstipp: die Nummer des Patriarchats endgültig blockieren und stattdessen lieber Feminismus und Gleichstellung daten. Beide haben deutlich mehr Empathie, Stil und Sexappeal. 

Du bist ja Soziologin und Comedienne: Warum ist dir ein augenzwinkernder Zugang zum Thema wichtig? 

Humor ist ein trojanisches Pferd. Mit Comedy gelingt es, in Räume vorzudringen, die durch ausschließlich ernsten oder gar wissenschaftlichen Ausdruck verschlossen bleiben. Das erlebe ich auch live: Wenn du eine Comedy-Bühne betrittst, sprichst du damit das Angebot ans Publikum aus, Spaß zu haben. Das kann dir einen Vertrauensvorschuss geben, und mit etwas Eleganz und Empathie kannst du diesen ausreizen: ein wenig Gesellschaftskritik hier, eine Prise Spiegel-Vorhalten da. So erhält das Publikum die Chance, sich unterhaltsam mit diversen Denkweisen, Haltungen und Lebensrealitäten zu verbinden.  

Ohne zu spoilern: Wie sind die Heilungschancen für deinen Patienten? Oder sollte er – sollten wir – lernen, mit seinen Marotten zu leben?

Ich formuliere es mal so: Wir sollten nicht allzu starr an einem Therapieerfolg festhalten. (Aber trotzdem fleißig alle Therapiestunden mit dem Patienten abrechnen, da kommt nämlich einiges zusammen.) 

Katharina Linnepe

Wenn das Patriarchat in Therapie geht

Beltz

978-3-407-86889-3

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Das Bild zeigt die Autorin vor einem grauen Hintergrund. Sie trägt eine schwarze Bluse und eine okkafarbene Hose
Katharina Linnepe
Katharina Linnepe treiben seit ihrem Studium der Politikwissenschaft, Soziologie und Philosophie gesellschaftspolitische Themen, vor allem rund um Feminismus und Diversität, beruflich und persönlich um. Als Moderatorin, Podcasterin und Sprecherin stößt sie Dialoge und Diskussionen an, als Comedienne und Content-Creatorin übt sie satirische Gesellschaftskritik.
Foto: Laura Nickel
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