Wer euer Buch liest, bekommt Lust auf Jungen*arbeit. Ist das eure Intention?
Ja, das ist ein zentrales Anliegen unseres Buches. Wir wollen Interesse wecken und Menschen motivieren, sich mit Jungen*arbeit zu beschäftigen – evidenzbasiert, differenziert und alltagsnah. Vor allem dort, wo heute Geschlechterbilder geformt werden: in digitalen Räumen. Plattformen, auf denen gewaltvolle Männlichkeitsbilder verbreitet werden, sind für viele Jungen* prägend geworden. Praktische Impulse und ein Verständnis für Caring Masculinities zeigen, wie wir alternative Wege sichtbar und erlebbar machen können. Im Zentrum steht die Bewegung von „I don’t care“ zu „I care“ – Jungen* müssen Empathie und Fürsorge lernen können. Dafür braucht es geschützte Räume, präsente Bezugspersonen und bewusst gestaltete digitale Gegenerzählungen.
In eurem Sammelband kritisiert ihr, dass Jugendforschung klassistische Perspektiven einnimmt: Wer von den Jungen* und jungen Männern bleibt dadurch ungesehen?
Gerade Jungen* und junge Männer aus marginalisierten Milieus bleiben in Forschung und medialer Öffentlichkeit oft unsichtbar.
Dabei sind sie es, die besonders häufig in misogyne Online-Communities geraten – nicht aus Böswilligkeit, sondern aus dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Anerkennung.
Wer digitale Räume nicht ernst nimmt, überlässt Jungen* einem Klima, das Misogynie und Gewaltverherrlichung normalisiert. Deshalb müssen gerade diese Jugendlichen erreicht und Räume für sorgende und zugewandte Männlichkeitspraxen eröffnet werden.
Die Kapitel betrachten Männlichkeiten jeweils aus verschiedenen Blickwinkeln, sowohl was die Zugänge angeht als auch die Jungen* selbst: Kannst du uns das Konzept eures Buches beschreiben?
Unser Sammelband versammelt Beiträge aus Forschung, Praxis und universitärer Lehre. Themen wie digitale Männlichkeit, Caring Masculinities, Gangsta-Rap und Gewalt werden beleuchtet. Ziel ist es, die komplexe Vielfalt von Männlichkeitspraxen sichtbar zu machen und Räume für neue Entwürfe zu schaffen. Es geht nicht um Anpassung, sondern um die Möglichkeit, alternative Lebenskonzepte von Männlichkeiten zu entdecken und zu üben – jenseits von Dominanz und Abwertung, offline wie online. Damit Caring Masculinities nicht nur Theorie bleiben, sondern gelebte Praxis werden können.
Verstehen statt Verurteilen: Alle Autor*innen nehmen eine erklärende und zugewandte Perspektive auf Männlichkeiten und Jungen* ein. Welche gemeinsame Haltung eint alle Beiträge?
Statt vorschneller Verurteilung fragen wir: Welche strukturellen Bedingungen, welche Erfahrungen prägen ihre Haltungen? Gewalt und Sexismus werden klar benannt – aber nicht isoliert moralisiert, sondern im Kontext ihrer Entstehungsbedingungen betrachtet. Jungen* brauchen Begleitung, um sorgende Männlichkeitsbilder als echte Option erleben und leben zu können – auch digitale Plattformen müssen Orte werden, an denen diese Optionen sichtbar sind.
Das Buch bietet Einblicke in männliche Lebenswelten zwischen den oft besprochenen Polen toxisch und Agents of Change: Vorstadtleben, Schulalltag, (Gangsta)Rap, Influencer. Warum ist das für Jungen*arbeit wichtig?
Die Netflix-Serie Adolescence hat es angedeutet: Jugendliche suchen online nach Orientierung, nach Antworten auf Unsicherheit und Angst.
Influencer* der Manosphere liefern einfache Erklärungen und Stärkeversprechen. Jungen* folgen ihnen nicht, weil sie Hass wollen, sondern weil diese Angebote sichtbar und niedrigschwellig sind.
Wir brauchen eigene Erzählungen: Geschichten, die Caring Masculinities greifbar machen, die Empathie, Verantwortung und Beziehungen als Stärke darstellen – auch und gerade im digitalen Raum. Jungen* müssen Alternativen erfahren, bevor sie sich unwiderruflich in gewaltförmigen und misogynen Dynamiken verstricken.
Was waren für dich zentralsten Erkenntnisse aus allen Beiträgen für deinen Blick auf Jungen* und junge Männer?
Soziale Herkunft, Diskriminierungserfahrungen und der Zugang zu Vorbildern beeinflussen maßgeblich, welche Männlichkeitsbilder Jungen* übernehmen oder in Frage stellen. Digitale und analoge Räume sind heute untrennbar verbunden. Wer sich mit Männlichkeitspraxen beschäftigt, muss beide Welten im Blick haben. Der Weg von „I don’t care“ zu „I care“ ist kein Einzelakt – es ist ein gesellschaftlicher Auftrag. Jungen* brauchen Begleitung, Vorbilder und Übungsräume – online und offline. Und sie brauchen Erwachsene, die ihnen zeigen, dass Fürsorge und Solidarität nicht Schwäche sind, sondern – wie Nancy Fraser es formuliert hat – ein „social glue“, der uns alle zusammenhält.

