White fragility und Soziale Arbeit:  Eine Aufforderung zum Handeln

Abwehrhaltungen, Vorurteile, Privilegien: Wie können weiße Sozialarbeitende eigene Rassismen hinterfragen und abbauen? Tarah Truderung nennt konkrete Schritte.

30.11.2023 | Lesezeit: 8 Min.

Inhalt

Einleitung

Als schwarze Erzieherin und Sozialarbeitende habe ich immer wieder negative Erfahrungen mit weißen Menschen aus dem Sozialen Bereich gemacht. Dies betrifft sowohl meine eigenen Erfahrungen als auch die Erfahrungen anderer Menschen of Color. Eine besonders frustrierende Realität, die immer wieder auftaucht, ist die ‚white fragility‘, eine Abwehrhaltung, die weiße Sozialarbeitende an den Tag legen, wenn Rassismus zur Sprache kommt oder mensch es wagt ihnen Rassismus zu unterstellen.

Diese Abwehrhaltung geht oft einher mit fadenscheinigen Argumenten, Ablenkungsmanövern, Relativierungen, Täter*innen-Opfer-Umkehr und oft sogar Tränen seitens der nicht Betroffenen (white tears↓). Das alles macht es für Menschen of Color extrem schwierig, offen und ehrlich Rassismus oder rassistische Zustände anzusprechen, ohne dass danach alle Aufmerksamkeit auf weißen Menschen liegt und sie in ihren Gefühlen und Ansichten bestätigt werden wollen. Dies ist in meinen Augen nur eine weitere Bestätigung, wie die „Profession der Menschenrechte“ an sich selbst scheitert.

In diesem Artikel gehe ich deshalb dieser Abwehrhaltung in Form von ‚white fragility‘ auf den Grund, die vor allem in der Sozialen Arbeit in einer äußerst perfiden Form zum Vorschein kommt und schwerwiegende Auswirkungen hat. Dabei sollen schlussendlich vor allem die Aufforderungen zum Handeln anregen.

Die Soziale Arbeit und ihre Verbindung zu Weißsein

Der Ursprung der Sozialen Arbeit, wie wir sie heute in Deutschland kennen, lernen, lehren und ausführen, liegt im 19. Jahrhundert und beruht auf den eher privilegierten Perspektiven von weißen Frauen aus der Mittel- und Oberschicht, die bis heute „die Norm“ darstellen. Das bedeutet, dass die Soziale Arbeit bis heute, ein feminisierter, weißer Raum ist, der vor allem weiße bürgerlich-akademische Frauen repräsentiert und gleichzeitig die Stimmen, Perspektiven und Lebensrealitäten von (mehrfach-) marginalisierten Menschen of Color systematisch ausschließt und diese unterrepräsentiert.

White tears

White tears sind die emotionalen Reaktionen von weißen Menschen, die auftreten, wenn man sie auf Unterdrückung und Rassismus anspricht, ihre Priviegien in Frage stellt oder herausfordert. Die Tränen dienen dazu, Gespräche oder die Auseinandersetzung bezüglich Rassismus zu vermeiden und den Fokus auf die eigenen Gefühle zu lenken.

Besonders gefährlich und auch lebensbedrohlich ist dies mit Blick auf die strukturelle Gewalt, die Menschen of Color tagtäglich erleben, wie z.B. Polizeigewalt, aber auch Rassismus, der aktiv von der Sozialen Arbeit und ihren Akteur*innen ausgeht. Dabei bringen weiße Menschen in der Sozialen Arbeit oft unbewusste Vorurteile, einschließlich rassistischer Annahmen, in ihre Arbeit ein, was z.B. zu diskriminierenden Entscheidungen führt oder diskriminierende Strukturen hervorbringt. Eine große Rolle spielt dabei beispielsweise white saviorism‘.

Das ist ein Retterkomplex, bei dem nicht-weiße Menschen, vor allem aus dem globalen Süden, als hilfsbedürftig dargestellt werden und weiße Menschen sich dazu berufen fühlen, sich als ihre Retter*innen zu inszenieren (vgl. z.B. Mai 2020; Tißberger 2020; Nguyên, Kiebel 2021).

Die Norm rund um Weißsein spielt also eine entscheidende Rolle in der Sozialen Arbeit und re_produziert bis heute soziale Ungleichheiten, obwohl dies z.B. der Global Definition of Social Work völlig widerspricht.

„Soziale Arbeit fördert als praxisorientierte Profession und wissenschaftliche Disziplin gesellschaftliche Veränderungen, soziale Entwicklungen und den sozialen Zusammenhalt sowie die Stärkung der Autonomie und Selbstbestimmung von Menschen. Die Prinzipien sozialer Gerechtigkeit, die Menschenrechte, die gemeinsame Verantwortung und die Achtung der Vielfalt bilden die Grundlage der Sozialen Arbeit. Dabei stützt sie sich auf Theorien der Sozialen Arbeit, der Human- und Sozialwissenschaften und auf indigenes Wissen. Soziale Arbeit befähigt und ermutigt Menschen so, dass sie die Herausforderungen des Lebens bewältigen und das Wohlergehen verbessern, dabei bindet sie Strukturen ein […]” (IFSW 2014)

White fragility

In einer rassistischen Welt weiß und nicht von Rassismus betroffen zu sein, bedeutet Privilegien, Vorteile und Ressourcen zu haben (white privilege), die oft unbenannt und daher für weiße Menschen unsichtbar bleiben. Deutschland ist eine weiße Mehrheits- und Dominanzgesellschaft, die aufgrund ihrer historischen und gegenwärtigen Verflechtungen von Rassismus profitiert, jedoch bis heute viel zu wenig bis gar nicht darüber spricht. Diese Privilegien, Vorteile und Ressourcen werden aufgrund dieser unausgeglichenen Machtverhältnisse oft Menschen of Color vorenthalten, was sich in verschiedenen Lebensbereichen bemerkbar macht, wie Bildung, Gesundheitsvorsorge, Justizsystem, Arbeitsmarkt, Beziehungen und vielen anderen (vgl. z.B. Ergebnisse Afrozensus 2020).

Die white fragility‘ (weiße Fragilität oder Zerbrechlichkeit) ist ein Abwehrmechanismus von weißen Menschen, um sich nicht ernsthaft mit Rassismus und dessen Auswirkungen auf andere auseinandersetzen zu müssen, wie bereits in der Einleitung erwähnt. Dieser Begriff beschreibt eine defensive, leugnende und selbstverteidigende Reaktion von weißen Menschen, wenn rassistische Missstände thematisiert werden, sei es z.B., weil Betroffene generell darüber sprechen möchten oder weil sie eine Person, die sich rassistisch verhalten hat, darauf ansprechen (vgl. Di Angelo 2018; 2020).

„Viele Weiße reagieren schon auf die Andeutung, dass Weißsein Bedeutung hat, mit extremer Ablehnung. Auch der Hinweis, dass ich etwas über sie wissen könnte, nur weil sie weiß sind, verursacht Verärgerung. Wir können kaum damit umgehen, wenn uns jemand darauf hinweist, dass unsere race unser Leben und unsere Ansichten formt.“ (Di Angelo 2018)

Unter anderem hat die Soziologin Robin Di Angelo diese Abwehrhaltung als ‚white fragility‘ (weiße Fragilität; weiße Zerbrechlichkeit) bezeichnet. Sie beschreibt, dass weiße Menschen, ob sie es wahrhaben wollen oder nicht, ein tief verwurzeltes Überlegenheitsgefühl gegenüber Menschen of Color haben und auch gerade die Menschen, die sich als progressiv und links sehen (siehe Soziale Arbeit) sich sehr schwer damit tun, sich einzugestehen, dass auch sie Rassismus re_produzieren. Dabei ist ‚white fragility’ ein starkes Instrument um den Status quo aufrechtzuerhalten (vgl. Di Angelo 2018; 2020).

„Wir reagieren wütend und ablehnend, um dieses unangenehme Gefühl zu beenden. Das ist eine mächtige Form weißer Kontrolle, eine Form weißen Mobbings. Wir machen es unerträglich für people of color, mit uns über ihre rassistischen Erlebnisse zu sprechen. Und dadurch bringen wir sie zum Schweigen. […] Weiße begegnen ihnen mit Feindseligkeit und Ablehnung. Ihre Erfahrungen werden kleingeredet und oft werden sie sogar noch mehr dafür bestraft, sodass ihre Situation schlechter wird, nicht besser. Deshalb ist white fragility ein mächtiger Weg, um people of color auf ihren Platz zu verweisen – und Weiße in ihrer gesellschaftlichen Machtposition zu halten.“ (Di Angelo 2018)

Auf diese Art gelingt es weißen Menschen immer wieder, sich selbst, ihre (in dem Fall nicht validen) Emotionen und Befindlichkeiten in den Fokus zu rücken und die Bedürfnisse, (Gewalt-)Erfahrungen, aber auch Expertisen von Betroffenen in den Hintergrund, damit alles bleibt, wie es ist!

Professional fragility

Nun könnte mensch ja meinen, dass die Soziale Arbeit sich diesen Mechanismen bewusst ist, denn sie ist ja die „Profession der Menschenrechte“ und sollte sich demnach mit Unterdrückung und deren Muster auskennen. Allerdings ist eben genau dies nicht der Fall, wie bereits kurz angeschnitten. In der Sozialen Arbeit hängt dies neben dem fehlenden Wissen unter anderem mit dem Selbstverständnis ihrer Akteur*innen im Zusammenspiel mit dem der Profession zusammen (vgl. Obisesan S. 32 ff.).

Louisa Tolu Obisesan entwickelte deshalb in ihrer Bachelorarbeit den Begriff der professional fragility (von Sozialarbeitenden) / der professionellen Fragilität (angelehnt an Robin Di Angelos Begriff der white fragility).

Sozialarbeitende sehen sich als Helfer*innen und deshalb als auf gar keinen Fall diskriminierend.

Buch-Tipps

Sow, Noah (2018): Deutschland Schwarz Weiss: der alltägliche Rassismus, Norderstedt: Books on Demand.

Hasters, Alice (2020): Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen: aber wissen sollten, 6. Auflage. München: Hanserblau.

Jewell, Tiffany; Durand, Aurélia (2020): Das Buch vom Antirassismus,
Berlin: Zuckersüß Verlag.

Roig, Emilia (2021): Why we matter: Das Ende der Unterdrückung, Berlin: Aufbau.

Zakaria, Rafia (2022): Against white feminism: Wie weißer Feminismus Gleichberechtigung verhindert, München: Hanserblau.

„Wie kann ich rassistisch oder diskriminierend sein, wenn ich doch nur etwas Gutes tun möchte, den Leuten helfen möchte?Dies macht es natürlich für Betroffene, egal in welchem Verhältnis, ob Klient*in, Kolleg*in etc., besonders schwer, ernsthaft und vor allem auch zielführend Rassismus anzusprechen.

So lenken auch weiße Sozialarbeitende immer wieder ihre eigenen Perspektiven in den Vordergrund, anstatt die Erfahrungen von People of Color anzuerkennen und anzuhören, geschweige denn den Status Quo zu stürzen.

„Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Rassismus in der Sozialen Arbeit deshalb abgewehrt wird, weil das Eingestehen von rassistischen Strukturen in der Sozialen Arbeit sowohl die professionelle Integrität als auch die professionelle Identität von Sozialarbeiter*innen bedrohen würde.“ (Kappeler S. 33, zit.n. Obisesan 2020)

Was also können weiße, nicht von Rassismus betroffene Sozialarbeitende tun?

  • Ernsthaft ihr eigenes Weißsein reflektieren und nicht leugnen. Das heißt z.B. auch eine ehrliche Auseinandersetzung mit ihrer Familiengeschichte.
  • Farben sehen. Denn durch die „Ich sehe keine Hautfarben“-Haltung werden immer wieder Ungleichheiten re_produziert und sie verkennt, dass wir nun mal unterschiedliche Erfahrungen machen, die gesehen werden müssen.
  • Einsehen, dass wir ALLE rassistisch sozialisiert sind, also auch ALLE Rassismus re_produzieren. Auch wenn die Einsicht dahingehend schmerzhaft sein kann.
  • Die eigene Emotionalität dahingehend zurückstecken, dass wenn es um Rassismus geht, es nicht um eine*n selbst geht.
  • Gewillt sein, wirkliche, tiefgreifende und radikale Veränderungen in Denken und Handeln einzugehen – auf struktureller, institutioneller, aber auch individueller und persönlicher Ebene.
  • Räume schaffen für Empowerment von Betroffenen, aber auch zur Selbstreflexion (getrennt!) (vgl. Obisesan, S. 46 f.).
  • Die durchaus auch sehr gewaltvolle Geschichte der Sozialen Arbeit aufarbeiten und die historisch bedingten Strukturen analysieren.
  • Deutungshoheit und Definitionsmacht im Hinblick auf Rassismus sollte an Betroffene abgeben werden.
  • Sich kontinuierlich mit Rassismus auseinandersetzen WOLLEN und Weißsein dekonstruieren!

…das alles in der Praxis, nicht nur in der Theorie!!!

Literaturverzeichnis

Di Angelo, Robin (2018): In: Zeit Campus: Rassismus. Die meisten Weißen sehen nur expliziten Rassismus. [letzter Zugriff: 31.08.2022]

Di Angelo, Robin (2020): Wir müssen über Rassismus sprechen. Was es bedeutet in unserer Gesellschaft weiss zu sein. Hamburg: Hoffmann und Campe.

EOTO (o. J.): Afrozensus 2020 – Der Report, [online] [31.08.2023]

DBSH (20214): Deutschsprachige Definition Sozialer Arbeit International Federation of Social Workers (IFSW) (2014): Global Definition of Social Work [letzter Zugriff: 07.10.2023]

Mai, Hanna Hoa Anh (2020): Pädagog*innen of Color. Professionalität im Kontext rassistischer Normalität. Weinheim: Beltz Juventa

Obisesan, Louisa Tolu (2020): Professional Fragility? Abwehrmechanismen (weißer) Sozialarbeiter*innen in rassismuskritischen Trainings, Frankfurt am Main: gFFZ – Gender- und Frauenforschungszentrum der hessischen Hochschulen Frankfurt University of Applied Sciences.

Tißberger, Martina (2020): Soziale Arbeit als weißer* Raum – eine Critical Whiteness Perspektive auf die Soziale Arbeit in der postmigrantischen Gesellschaft. In: Soziale Passagen, Jg. 12, Nr. 1, S. 95–114, doi: 10.1007/s12592-020-00342-5.

Nguyên, Tu Qùynh-nhu; Kiebel, Johanna (2021): Die Soziale Arbeit – ein feminisierter white space. Möglichkeitsräume und Widerstandsstrategien von weißen* und nicht-weißen* Frauen* in sozialen Ungleichheitsverhältnissen, S.l.: GRIN VERLAG.