Das Leben angeklagt – Versuch einer Einordung der Texte von Robin Hoff

Was, wenn du keine Chance hast, weil du in die „falschen Verhältnisse“ geboren wurdest? Olaf Jantz zeigt, was Klassismus anrichtet.

„Und wenn das Leben Dir immer wieder einen Arschtritt gibt, dann tust Du alles, damit Du am Ende glücklich bist.“ Robin Hoff (früher „Ecxes“) positioniert hiermit in dem Rap-Song „vom Leben gezeichnet“ ( https://www.meintestgelaende.de/2017/12/vom-leben-gezeichnet/ ) sein „Programm“, indem er soziale Herkunft, lebensweltliche Erlebnisse und persönliche Perspektiven gleichermaßen andeutet. Wieviel davon autobiografisch ist, soll hier nicht betrachtet werden. Vielmehr möchte ich seine Performance, seine Inhalte, seine Texte als Sprachrohr betrachten. Es ist das Sprachrohr für eine Gruppe von Menschen, die i.d.R. jedoch nicht als soziale Gruppe wahrgenommen werden. Robin Hoff singt von biographischen Bezügen, die viele der Jungen* und Mädchen*, die uns in der Pädagogik, der Jugendarbeit oftmals begegnen, aufweisen. Ich denke es ist Zeit, hier zuzuhören und zu schauen, wie wir zur Abschaffung von Marginalisierungen beitragen können. In den letzten Jahren haben uns -wie in den Texten und Darstellungen auf Mein Testgelände – verschiedene Kategorien des Ausschlusses beschäftigt. Dort spielten auch Aspekte der sozialen Lage eine Rolle, aber eben nicht explizit. Und diese explizite Beschäftigung mit Klassismus und Armutsverhältnissen nimmt Robin Hoff vor, ohne in Theorie zu verfallen. Er entfaltet eine expressive Perspektive, indem er uns sprachlich und musikalisch in die Welt der „lower classes“ mitnimmt. Er expliziert die Folgen sozialer Exklusion und verbindet sie mit Sehnsüchten, Wünschen und Handlungsoptionen. Immer wieder wird „das Geld“ oder „viel Geld“ und dessen Potential zur gesellschaftlichen Teilhabe thematisiert. Glücklich-sein scheint für ihn unweigerlich damit verknüpft zu sein.

Die Texte in den Rap-Songs von Robin Hoff sprechen eine klare Sprache, sie klagen an, sie resümieren, sie geben Hoffnung. Aber sie handeln weder von Rassismus noch von Sexismus, nicht von Ableismus oder Heterosexismus, nicht von Lookismus oder Bodyismus, um hier mal die üblichen Kategorien zu nennen (siehe www.meintestgelaende.de). Das haben andere zuvor besungen, gerappt und in anderen Formen deklariert und bekämpft. Hier in den Songs von Robin Hoff wird eine Perspektive präsentiert, die ihre Marginalisierung durch klassistische Beschränkungen und diverse Armutsverhältnisse erfährt. Es ist ein Schrei nach Exit. Ein Ausstieg aus Verhältnissen, die beschränken, die verletzten, die demütigen und die innerlich verarmen lassen. Sehr eindrücklich entfaltet er die Beschränkungen, das Verlassen-sein und den stetigen Kampf gegen Zurückweisung und Ausschluss. Doch was macht diese Perspektive von class-lives so besonders? Ich werde versuchen, einige Kernaussagen in Bezug zu inhaltlichen Auseinandersetzungen um Armutsverhältnisse und Klassismus zu stellen. Ziel ist es, zu übersetzen, was hier genau deklariert wird und wie wir möglicherweise pädagogisch und/oder politisch hilfreich verändernd einwirken könnten. Doch vorweg eine kurze Einordung, worüber wir hier sprechen:

Klassismus ist nicht identisch mit Armut

Da wir uns hier mit Musik / Rap-Songs im Bereich der Kultur(re)produktion befinden, starte ich mit der Definition, die aus dem „Kulturbetrieb“ von Diversity Arts Culture / Berlin heraus präsentiert wurde ( https://diversity-arts-culture.berlin/woerterbuch/klassismus ) :

„Klassismus”

bezeichnet die Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft und/oder der sozialen und ökonomischen Position. Es geht bei Klassismus also nicht nur um die Frage, wie viel Geld jemand zur Verfügung hat, sondern auch welchen Status er hat und in welchen finanziellen und sozialen Verhältnissen er aufgewachsen ist. Klassismus richtet sich mehrheitlich gegen Personen einer „niedrigeren Klasse“.

Der Begriff Klassismus ist ein noch nicht sehr weitverbreiteter Begriff, der „classism“ aus dem US-amerikanischen Kontext ins Deutsche transportiert. Er folgt nicht einer bestimmten Definition von Klasse, wie zum Beispiel der von Marx, Bourdieu oder Max Weber, auch wenn es Überschneidungen zu den Definitionen gibt. Vielmehr wurde mit dem Begriff eine eigene Setzung vorgenommen, bei der nicht davon ausgegangen wurde, dass alle die oben genannten Theorien kennen. Der Begriff wurde maßgeblich durch die Erfahrungen von Communities geprägt, die mehrfachdiskriminiert werden, also zum Beispiel durch Gruppen innerhalb der Frauenbewegung oder der „Black Movements“, die Klassismus erfahren. Mit dem Begriff werden deswegen verschiedene Diskriminierungsdimensionen aus einer intersektionalen Perspektive berücksichtigt. Außerdem umfasst der Begriff nicht nur die ökonomische Stellung von Menschen, sondern auch die verschiedenen Abwertungserfahrungen auf kultureller, politischer, institutioneller und individueller Ebene.

Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz nennt die soziale Herkunft und Position nicht als Diskriminierungsdimension. Wir berücksichtigen Klassismus in unserer Arbeit, da die Klassenherkunft zum Beispiel maßgeblich bestimmt, wie leicht wir Zugang zum Kulturbetrieb erlangen, welche Werte wir bestimmten Kunstformen zuschreiben und ob die Werke, die wir schätzen, ein Teil des Kanons sind.“

Es lohnt sich also genauer zu schauen, wie Kultur(re)produktion ausschließend oder einschließend wirkt und wirken kann. Letztendlich setzen das gesamte Projekt „mein Testgelände“ im Allgemeinen und die Songs von Robin Hoff im Speziellen einen deutlichen Kontrapunkt zur hegemonialen Bedeutungskonstruktion in Kultur, Öffentlichkeit und Politik! Wichtig finde ich, die Abgrenzung historischer Klassendefinitionen (Marx, Weber) von der Perspektive auf eine Gesellschaft, die classism in historisch neuem Gewand erzeugt (Bourdieu lässt sich m.E. darauf weiterhin anwenden). Deutschland ist quasi als eine klassenlose Gesellschaft mit vielfältigen klassistischen Zugangsbeschränkungen zu identifizieren. Trotz aller intersektionellen Verknüpfungen lohnt es sich m.E., Klassismus und Armutsverhältnisse gesondert zu betrachten. Und genau das wird in den vorliegenden Rap-Texten getan! Es werden keine Identitätskategorien angeboten, auf die man sich positiv beziehen könnte, wie etwa LGBTI* oder black P.o.C. Vielmehr ist es ein individualisierender Schrei in die Zukunft. Und das machen v.a. Armutsverhältnisse aus: es gibt eine Vielzahl an Menschen, die in Armut leben müssen, doch zu einer solidarisierenden Zusammenkunft zu einer sozialen Gruppe, die ihre politischen Interessenlagen vertritt, kann es heute nicht mehr kommen. Das war beispielsweise in der Klassengesellschaft der 1920er Jahre in Deutschland noch ganz anders. Es fehlt mittlerweile so etwas wie ein Klassenbewusstsein. Und aus diesem Dilemma bieten die Texte von Robin Hoff einen alternativen Ausweg. Dazu konkret gleich mehr…

Andreas Kemper fokussiert bei der Frage, was Klassismus sei, auf historische Aspekte:(https://jugendsozialarbeit.de/media/raw/Dokumentation_Fachtag_Der_Blick_auf_soziale_Herkunft_15102013.pdf )

„Klassismus ist die gruppenkonstruierende Benachteiligung durch Kulturimperialismus, Macht, Ausbeutung, Marginalisierung und Gewalt aufgrund der sozialen Herkunft oder sozialen Position. Klassismus ist ein Begriff, der die Felder Diskriminierung und Klasse zusammenführt. Diskriminierungen und Klassengesellschaft bestimmen sich wechselseitig, Klassismus ist ein Bestandteil dieser Wechselseitigkeit. Mit Iris M. Youngs Vorschlag, gesellschaftliche Unterdrückung nach fünf Gesichtspunkten zu unterscheiden („Five Face of Oppression“), lässt sich der Herrschaftscharakter von Klassismus ebenfalls in fünf Aspekte aufteilen: Ausbeutung, Gewalt, Macht, Marginalisierung und Kulturimperialismus.“

Die „Five Face of Oppression“ bieten ein gutes Instrument, die Texte in Bezug zu setzen, was weiter unten getan wird. An dieser Stelle sei zum Verständnis gesagt, dass eben genau die soziale Lage, das öffentliche und berufliche Prestige (Status), der Zugang zur hegemonialen Bildung und damit auch die Selbstverständlichkeit, in (angesehenen) gesellschaftlichen Systemen agieren zu können, über die Klassenlage von Menschen entscheidet und damit auch über klassistische Segregationen. Armut ist dabei ein Faktor, zuweilen ein wesentlicher, aber eben in diesem Gefüge nur einer. Auch das akademische Präkariat z.B. ist oftmals von Armutsverhältnissen betroffen. Qua hegemonialem Bildungsbezug, wie etwa einem abgeschlossenen Studium oder schlicht, indem Mensch Bücher liest und klassische Konzerte besucht, leben diese Menschen in völlig unterschiedlichen Klassenbezügen als Menschen, denen diese kulturelle Partizipation verwehrt bleibt.

Ein Übertrag auf den Bezug zu den Texten von Robin Hoff

Armut, Bildungsbezug und soziale Lage sollten also für einen Moment getrennt betrachtet, analysiert und bekämpft werden. Das größte Problem in diesem Zusammenhang ist die Beschämung der Einzelnen als „Opfer von Klassenverhältnissen“ und besonders als Opfer von Armut und fehlendem Status. Auch hier gelingt Robin Hoff ein „literarischer Ausweg“, indem er deklariert, Erfahrungen fassbar macht und Ziele selbst definiert. Allerdings macht seine gesamte Perspektive deutlich, dass das Aufwachsen in „niederen Klassenbezügen“, verbunden mit umfassenden Armutsverhältnissen, tiefe Spuren in der Seele und damit in der Selbstwirksamkeit(serwartung) hinterlassen. Sein gesamtes Werk wirkt wie der gleichschwebende Kampf gegen die Verhältnisse, ohne einzelne Menschen aus den Gruppen der anderen anzugreifen. Das passiert nur gegen Personen, die ihm etwas vorenthalten/vorenthielten, wie etwa in dem Song „Mama“ (https://www.meintestgelaende.de/2020/11/m-a-m-a/ ), in dem er seine Mutter zur Aussprache ermahnt und Antworten auf seine Lebensfragen einfordert. Überhaupt ist es ein sprachlicher Kampf gegen Vorenthaltungen. Die Verhältnisse haben eine Grundstimmung der Entsagung, des Mangels und des Ausschlusses, gegen den die Texte „projektiv“ erfolgreich anarbeiten. Das Mittel zur Befreiung ist für ihn hervorgehoben „das Geld“. Eigentlich sämtliche Songs drehen sich darum, eine gesicherte oder sogar gehobene Position im Besitz von (viel) Geld zu erlangen. Es geht nicht um eine inhaltliche Positionierung, nicht um das Erlangen einer bildungsbezogenen Anerkennung, sondern im Kern um Partizipation durch das Potential von Geld. Das Ziel zunächst scheint für alle Robin Hoff-Texte zu sein, Teilhabe durch den Besitz von ausreichendem finanziellem Kapital zu erlangen.

Einige Aussagen als Darlegung der empowernden Perspektive

In „Thron“ ( https://www.meintestgelaende.de/2021/02/thron/ ) unterstreicht er diese Position nachdrücklich: „Heute noch ein Niemand, doch ich will die Million. Ich kämpfe wie ein Krieger, die Beute will ich schon. Ohne einen Cent, nur ein Plan und die Vision. Nein ich gebe niemals auf, ich will rauf auf diesen Thron.“ Obwohl er auch andeutet, dass er für seinen Rap Anerkennung wünsche, bleibt sein Fokus bei sich selbst: Er bleibe auf seinem Boot sein eigener Kapitän, er möchte diese Aufgaben stets selbst und allein bewältigen. Für klassistische Exklusionserfahrungen typisch vertraut er nicht auf andere, die ihn unterstützen könnten. Vielmehr noch werden mit „sie“ nicht benannte Leute besungen, die ihm nichts zutrauten. Und genau dagegen setzt er seine Zielstrebigkeit: „Es war lange ruhig und nichts ist passiert. Doch alles gut, ich ziehe durch und bleibe stets fokussiert. Das Ziel im Visier auch ohne Lable-Deal […] ich ziehe alleine in den Sturm.“ Mit den Kompetenzen zur Autonomie, die mir aus verschiedenen Männlichkeiten bzw. deren Bewältigung, vertraut vorkommt, setzt der Autor hier eine selbstaktive und selbstbewusste Eigendefinition. Diese lässt Stärke spüren, aber auch Trauer und Einsamkeit. Hier wird das Spiel von gesellschaftlicher Macht und „subkultureller Gegenmacht“ besonders deutlich, durchzieht aber alle Songs, die ich von Robin Hoff gehört habe. Der Ausbeutung „lower classes“ wird die aktive Leistung und deren Vergütung entgegengestellt; sie wird zur Beute aus einer Welt, in die er nicht so recht passen will. Er müsse sich seinen Lohn quasi im Krieg von „diesen anderen“ erbeuten, die so viel Definitionsmacht über seine Lebensumstände genießen.

In „dieses Leben“ ( https://www.meintestgelaende.de/2019/06/dieses-leben/ ) rechnet er quasi mit seinem Schicksal ab („dieses Leben ist ein Haufen Scheiße …“). Er fokussiert erneut auf das Vorenthalten von Zuwendung, Vertrauen und Liebe als „Heimkind“ und immer wieder auf das Vorenthalten finanzieller Möglichkeiten. In diesem Song wird das strukturelle Gewaltverhältnis besonders deutlich, indem er ausmalt, was es bedeutet, in Umständen der schier grenzenlos anmutenden Entbehrungen aufzuwachsen. Und wieder bietet er den Ausweg der Selbstdefinition und dem daraus wachsenden klassistischen (Self-)Empowerment an. Aber auch das fühlt sich für mich traurig an, bei aller Kraft und Stärke: „Von klein auf auf mich allein gestellt, lernte schnell, ich bekomme nichts geschenkt in dieser Welt. Denn immer wenn ich irgendwas brauchte, musste ich es klauen: Ich hatte kein Geld, um mir etwas zu kaufen“ und weiter: „Mein Leben – kein Märchen!

schließlich

Mit all seinen Texten tritt der Rapper aus der fremdbestimmten Zuschreibung an seine Person heraus, die sich bei genauerem Hinhören wie der bildungsbürgerliche „Kulturimperialismus“ anfühlt, der ihm und ihnen „übergestülpt“ wird: Die Definitionsmacht der Bildungseliten, wie etwa durch unsere pädagogischen, therapeutischen und ausbildungsorientierten Professionen, zwingt männliche* wie weibliche* und diverse Jugendliche aus den „lower classes“ in derjenigen Sprache zu sprechen, die „wir“ aus der bildungsbürgerlichen Mittelschicht von ihnen verlangen. Die Rap-Songs stellen ein sprachlich wie musikalisch kompetentes und adäquates Gegengewicht zur Aneignung und Vereinnahmung durch „higher classes“ dar. Sie stehen bereits im Dienst der Selbstermächtigung und politischen Artikulation, so wie wir das in Projekten der Partizipation zu erreichen versuchen. Und da sollten wir lernen zuzuhören, mitzugehen und uns von der erstaunlichen Offenheit und Geradlinigkeit berühren zu lassen!

Ich hoffe, dass dieser Beitrag Lust macht, alle Songs von Robin Hoff auf sich wirken zu lassen:
( https://www.meintestgelaende.de/author/mr-hoff/ )

Bei Interesse an der Vertiefung zum Thema Jungen* in Armutsverhältnissen ist von Olaf Jantz ein Vortrag in 4 kleineren Teilen als Video in der Rubrik Positionen eingestellt: