Vom Ende des weißen Patriarchats – Sexismus intersektional verstehen

Feministische Kämpfe schauen auf Brüche, Meilensteine und lange Historien zurück. Oft sind anti-sexistische Forderungen bereits Jahrzehnte alt, bevor sie gehört und verhandelt werden. Immer wieder müssen Feminist*innen das Gleiche erklären, um eine gleichberechtigtere Gesellschaft zu erreichen. 

Die GRRRLs Voice of HeRoes Duisburg kritisieren in ihrem Video „Was glaubst du, wer du bist?!“ (https://www.meintestgelaende.de/2017/03/was-glaubst-du-wer-du-bist/), dass die Gleichberechtigung sowie Rechte aller Geschlechter immer noch nicht selbstverständlich sind, obwohl seit Jahren dafür gekämpft wird: „Wieso muss ich dir das erklären? Wieso muss ich meine Zeit opfern, um für meine Freiheit, für meine Rechte, für meine Selbstbestimmung zu kämpfen? Diese Rechte sollten selbstverständlich sein!“  

Dabei prangern sie direkt Akteur*innen des Patriarchats an:

„Was glaubst du, wer du bist? 

Was glaubst du, wer du bist?

Dass du meinen Körper benutzt, um dein Auto, deine Bratwurst oder dein Bier zu verkaufen?

Was glaubst du wer du bist? 

[…]“

So sprechen sie die Reduktion auf das Körperliche an – beispielsweise durch objektifizierende Werbung, in welcher der sogenannte Male Gaze wirkt. Das Konzept des Male Gaze (männlicher Blick) beschreibt, dass Frauen in Werbung, Film oder sonstigen Medien aus einer männlichen und heterosexuellen Sicht dargestellt werden. Der weiblich konnotierte Körper wird durch einen männlichen Blick bewertet, Verhaltensnormen werden  zugeschrieben und kontrolliert:

„Was glaubst du, wer du bist?!

Dass du sagst Mannsweib…

… weil ich Fußball spielen kann?

… nur weil ich rappen kann?

[…]

… weil ich keine Kleider trage?

[…]

… weil ich frech bin und mich durchsetzen kann?

… weil ich auch wütend werden kann?

Was glaubst du wer du bist?! 

Dass du Schlampe sagst…

… weil ich lange Nägel trage?

… weil ich mich schminke?

… weil ich einen Ausschnitt trage?

[…]

… weil ich einen kurzen Rock trage?

[…]

… weil ich alleine feiern gehe?

Was glaubst du wer du bist?! 

Weil ich nachts allein unterwegs bin?

Was glaubst du, wer du bist?!“

Die Protagonist*innen verdeutlichen, mit welchen widersprüchlichen Anforderungen sie konfrontiert werden, welchen sie sowieso nicht genügen können. Sie sind entweder zu prüde oder zu freizügig. Dies schränkt ihre persönliche Freiheit ein. Das nehmen sie jedoch nicht passiv hin, sondern sie stellen sich widerständig und handlungsmächtig dagegen und hinterfragen sexistische Anforderungen aufgrund ihres zugeschriebenen Geschlechts.

Geschlecht ist ein Konstrukt, welches eine wirkmächtige Realität entfaltet. Dadurch findet eine Auf- bzw. Abwertung von bestimmten Verhaltensweisen und Körpern statt, die zu einer Ungleichbehandlung von Menschen führt. In diesem sexistischen System entsprechen cis-Männer der Norm. Jede Abweichung von der Norm und einem bestimmten zugeschriebenen Verhalten wird abgewertet. Das bestimmte zugeschriebene Verhalten umfasst unter anderem Heterosexualität und sich mit dem Geschlecht zu identifizieren, das bei der Geburt zugeschrieben wurde (cis-Sein). Aus der binären Zuordnung, Festlegung und Hierarchisierung von Geschlechtern reproduziert sich Sexismus.

Sexismus ist ein in unserer Gesellschaft herrschendes System, in welchem cis-Männer privilegiert werden und Frauen, Lesben, inter, nicht- binäre, trans und agender Personen (FLINTA*) marginalisiert werden. Dies passiert nicht nur im Alltag, sondern auch auf struktureller Ebene. Ein Beispiel dafür ist, dass die Armutsgefährdung unter FLINTA* Alleinerziehenden sehr viel größer ist als unter cis-Männern.

Neben Sexismus gibt es weitere diskriminierende Machtverhältnisse, welche in unserer Gesellschaft existieren und gleichzeitig wirken – dazu gehört auch Rassismus. 

In der vorherrschenden weißen, patriarchalen Gesellschaft ist weiß (sowie cis-männlich) sein oft unmarkiert und somit unsichtbar. Menschen und Verhaltensweisen, die von der Norm abweichen, werden dagegen oft sichtbar gemacht und abgewertet. Mit Rassismus hängen bestimmte rassistische Bilder und Zuschreibungen zusammen, die ständig reproduziert werden, auch im Alltag. Ein Beispiel ist die Frage „Woher kommst du? Woher kommst du wirklich?“ Sie wirkt auf den ersten Blick unschuldig und neugierig. So wird einem Menschen, der als weiß gelesen wird, automatisch Deutschland als Herkunftsland zugeordnet. Einem Menschen, der nicht als weiß kategorisiert wird, wird dagegen das Deutsch Sein automatisch abgesprochen. 

Mit dieser Frage setzen sich auch die Hollies in ihrem Video „Rassismus im Alltag: Woher kommst du?“ (https://www.meintestgelaende.de/2019/04/rassismus-im-alltag/) auseinander.

In mehreren Situationen zeigen sie verschiedene Umgangsformen und widerständige Strategien, wie man sich als Person, die von Rassismus betroffen ist, in rassistischen Interaktionen verhalten kann.

So wird die Protagonistin Laila an einer Bahnhaltestelle gefragt, wo sie denn „ursprünglich“ herkomme. Selbst nachdem sie wiederholt betont hat, dass sie aus Deutschland sei, wird sie auf die vermeintlich nicht deutsche Herkunft ihrer Familie angesprochen. Ihre Taktik ist es, die Geschichte ihrer Familie inklusive Migrationen einzelner Familienmitglieder im Detail auszubreiten. Dies kann als widerständige Antwort gewertet werden. Lag doch das Ziel der fremden, fragenden Person lediglich in der Bestätigung, dass eine nicht als weiß gelesene Person nicht aus Deutschland kommen kann. Die Antwort soll lediglich die Vorannahme bestätigen, dass Leila nicht deutsch sei, da zumindest irgendjemand aus Lailas Familie nicht aus Deutschland sein könne. Leila setzt sich dem entgegen, indem sie ihre Familiengeschichte und somit das Private in den öffentlichen Bereich – nämlich die Bahnhaltestelle – holt. Sie zeigt außerdem auf, dass Familienzusammensetzungen von Brüchen, Bewegungen und Zufällen geprägt sind. Obwohl die Frage auf den ersten Blick als Neugier bewertet werden könnte, handelt es sich hierbei um eine rassistische Frage. Da einer nicht weißen Person das Deutsch Sein abgesprochen wird und die fragenden Person verlangt, Privates zu offenbaren. Hier kann das Konzept des Othering beobachtet werden, in welchem sich eine Person zu einer Gruppe (wir) zugehörig fühlt und sich von einer anderen Gruppe abgrenzt (die Anderen). 

In einer weiteren im Video dargestellten Situation in einer Arztpraxis findet Othering auf eine andere Art und Weise statt. Mit der Aussage „Wir Deutsche fahren gerne an die Nordsee, und woher kommen Sie?“ wird in einer Szene in einer Arztpraxis gleich zwischen wir und „den Anderen“ unterschieden und dem Gegenüber eine nicht-deutsche Herkunft unterstellt. Die Unterscheidung zwischen denen, die dazugehören und denen, die nicht dazugehören und anders sind, ist ein wichtiges Merkmal rassistischen Wissens. Die Person, die mit der Aussage konfrontiert wird, analysiert diese und reagiert argumentativ, indem sie diese Vorannahmen auseinandernimmt und das Gegenüber damit konfrontiert. Es wird deutlich, dass davon betroffene Personen diese Frage bereits gut kennen und sich intensiv mit den Beweggründen und Vorannahmen der Fragestellenden beschäftigt haben. Für die Person, die die Frage stellt, ist dies eine irritierende Antwort, da sie nicht damit gerechnet hat.

Eine junge Frau wird in einer dritten Situation im Video ebenfalls mit dieser Frage konfrontiert. Das Gespräch dreht sich um die Familie und die Flucht aus Syrien sowie um die  dortigen Erfahrungen. Es wird deutlich, dass diese Thematisierung zu Retraumatisierungen führen, weil Menschen gewaltvolle Erfahrungen mit ihrer Flucht und Migration verbinden. Viele privilegierte weiße Menschen, die diese Perspektive nicht nachvollziehen können, fragen unsensibel nach und verstärken Retraumatisierungen. Damit verhindern sie, dass die Menschen sich sicher fühlen und heilen können. 

Am Ende wird deutlich, wie die von Rassismus betroffenen Mädchen und jungen Frauen gemeinsam füreinander einstehen und sich miteinander verbinden: „Wir alle kommen irgendwo her und gehen irgendwo hin.“ 

Rassismus und Sexismus sind zwar unterschiedliche Diskriminierungsformen, können aber zusammen wirken und sind somit miteinander verwoben. Kimberley Crenshaw prägte dafür den Begriff der Intersektionalität. Das Zusammenwirken von Rassismus und Sexismus wird zum Beispiel in dem Video „GRRRLs Voice kommentiert: #120db“ (https://www.meintestgelaende.de/2018/04/grrrls-voice-kommentiert-120db) thematisiert. Das Video ist ein Kommentar auf das Kampagnenvideo von #120dB „Mach mit, zeig Gesicht & mach deine Stimme laut!“, in dem (weiße) Frauen über Gewalt an (weißen) Frauen sprechen und diese BIPoC Männern zuschreiben. Hier wird unter dem Deckmantel eines „Anti-Sexismus“ Rassismus reproduziert. Sexismus wird innerhalb des Kampagnenvideos als Problem „der Anderen“ dargestellt, die als rückschrittlich und gefährlich gesehen werden (das Video ist inzwischen nicht mehr online). Es findet eine rassistische Einordnung von Sexismus statt. Sexismus ist jedoch ein gesamtgesellschaftliches globales Problem, was auch durch weiße patriarchale Strukturen reproduziert wird und nicht ein Problem ist, was erst durch Migration entsteht oder in „anderen Kulturen“ verortet ist. 

So bringt eine Person von GRRRLs Voice dieses rassistische Vorurteil auf den Punkt: „Als ob ausländische Männer Schuld daran sind, dass Frauen vergewaltigt werden. Wenn Frauen vergewaltigt werden, ist es in erster Linie egal, woher der Mann kam.“ Da die GRRRLs Voice Protagonist*innen und ihre Familien selbst von Rassismus betroffen sind, trifft sie der Vorwurf, dass rassifizierte Männer vergewaltigen, persönlich: „Mein Bruder ist der Vergewaltiger, mein Vater, der Dönermann“. Eine andere Person fasst die Aussagen des Kampagnenvideos passend zusammen: „Was sie [die Menschen des Kampagnenvideos, Abk.] eigentlich damit meinen, ist […] rechts und ausländerfeindlich“. 

In dem Video wird deutlich, dass es sich um einen weißen Feminismus handelt, in dem nur weiße Frauen gemeint und als Betroffene von Sexismus gezeigt werden. Dies kritisieren auch die jungen Frauen im Video mit „Mir kommt es vor, als ob nur deutsche Frauen betroffen sind.“ Mit der Aussage „Ich habe mich nicht angesprochen gefühlt, obwohl ich eine Frau bin“ wird der weiße Feminismus sichtbar. Obwohl nie explizit davon gesprochen wird, wer gemeint ist, wird durch die Art und Weise der Aussagen und auch der Frauen, die sprechen, klar für die jungen Frauen of Color, dass sie nicht inkludiert sind.

Im Gegensatz dazu wollen die jungen Frauen einen intersektionalen Feminismus, der alle Menschen mit einbezieht: „Wir versuchen mit unserem Feminismus, jede Schicht unserer Gesellschaft mit einzubeziehen und zu gucken, wie hängt das eine mit dem anderen zusammen.“ Solange ein Feminismus Menschen ausschließt und diskriminiert und damit zum Beispiel Rassismus reproduziert, kann es kein sozial gerechter Feminismus sein. Auch die Protagonist*innen sagen „Schubladendenken ist nicht feministisch.“ und kritisieren den weißen Feminismus, der entscheidet, wann jemand feministisch ist oder nicht: „Ab wann entscheiden die, dass wir feministisch sind.“ In dem Video von #120dB bezeichnen sich die weißen Frauen als „Töchter Europas“. Die jungen Frauen von GRRRLs Voice kritisieren dies: „Welche Töchter Europas? Ich bin auch Tochter Europas.“ Es wird deutlich, dass bei „Töchter Europas“ nur weiße Frauen gemeint sind, und damit wird die Zugehörigkeit von Frauen of Color in und zu Europa abgesprochen. Es wird ein rassistisches Bild reproduziert, das wiederum Frauen of Color ausschließt und ihnen keine Stimme gibt in dem Diskurs um Sexismus und sexualisierte Gewalt. 

Dies ist ein Problem, mit dem FLINTA* of Color immer wieder konfrontiert sind, intersektionale Diskriminierungserfahrungen, die Sexismus und Rassismus betreffen und gleichzeitig die Marginalisierung und Unsichtbarmachung dieser Erfahrungen. Wichtig ist es, Räume zu schaffen, um FLINTA* of Color die Möglichkeit zu geben, sich mit ihren intersektionalen Erfahrungen auseinanderzusetzen, zu merken, dass sie damit nicht alleine sind und es kein individuelles, sondern ein gesellschaftliches und strukturelles Problem ist. Dabei wird betrachtet, welche Handlungsmöglichkeiten es gibt und wie sich davon betroffene Menschen solidarisieren und selbst ermächtigen können. Dies bezeichnet einen wichtigen Ansatz, um mit  (verschränkten) Diskriminierungen umzugehen: Empowerment. Empowerment kann vielfältig aussehen. In dem „Woher kommst du wirklich“ Clip ist Empowerment vor allem in der letzten Szene sichtbar, in welcher die jungen Frauen sich kollektiv zusammenschließen und zusammenhalten.

Empowerment bedeutet, sich in einer relativ machtlosen Situation und Position Handlungsspielräume zu erkämpfen, zu intervenieren und nicht konform zu handeln. Diskriminierung wird als eine schmerzhafte Erfahrung der Unterdrückung und Hilflosigkeit durch strukturelle Benachteiligung erlebt. Dabei besteht die Gefahr, aus einer Außenperspektive die betroffenen Menschen in einer Opferrolle zu sehen. Daraus entsteht die Legitimation eines Paternalismus: Menschen zu helfen aus einer privilegierten Position, dabei aber bestimmen, wie diese Hilfe aussieht und wann die betroffene Person Unterstützung erhält, ohne wirklich zuzuhören und den Menschen Selbstbestimmung zuzugestehen.

Empowerment lehnt genau diese Opferzuschreibung ab und hebt heraus, dass Menschen kollektiv Macht erkämpfen können, um selbst Forderungen zu stellen. Empowernde Strategien und Interventionen können zum Beispiel sein, den Mut zu haben anzuecken und den eigenen Weg zu gehen, statt weiterhin konform sein zu wollen, sich anzupassen und gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen.

Musik kann auch empowernd sein, wie z.B. der Song „Steh auf“ von Joline (https://www.meintestgelaende.de/2019/07/joline-steh-auf/) oder  „Queere Ganster“ von FaulenzA featuring Haszcara (https://www.meintestgelaende.de/2020/06/queere-gangster/).Pädagogisch können Räume und Angebote des Empowerments gefördert und geschaffen sowie Impulse und Begleitung in der Auseinandersetzung mit Themen bereitgestellt werden. Dabei ist es wichtig, mehrere Diskriminierungsformen und ihre Intersektionen im Blick zu haben und sich der eigenen Positionierung und Privilegien bewusst zu sein. Wichtig ist vor allem, die eigene Perspektive auch zurücknehmen zu können und wirklich zuzuhören und verstehen zu wollen. Gleichzeitig ist es unabdingbar, sich immer wieder eine kritische Reflexion und Auseinandersetzung mit dem eigenen Denken und Verhalten sowie entsprechendes Wissen anzueignen.

Sexismus trifft unterschiedlich positionierte FLINTA* auf unterschiedliche Arten: So erlebt eine weiße, nicht-binäre Person, die im Rollstuhl, sitzt eine andere Form von Sexismus als eine Schwarze trans Frau. In feministischen Kämpfen gegen das Patriarchat müssen Unterschiedlichkeiten und die damit einhergehenden kontextuellen Marginalisierungen und Privilegien immer wieder sichtbar gemacht werden. Der weiße Mainstream Feminismus und die weißen, feministischen „Rolemodels“ müssen kritisch hinterfragt werden. Gleichzeitig muss Platz für vielfältige marginalisierte Perspektiven, z.B. von dekolonialen Feminist*innen, geschaffen werden. Feminismus ist intersektional vielfältig und es finden unterschiedliche Erfahrungen, Unterdrückungen und Kämpfe statt. In der Anerkennung von Verschiedenheit in einer ungerechten Gesellschaft, einer Solidarisierung sowie einem Zusammendenken verschiedener gleichzeitig wirkender Diskriminierungen, kann der Fokus auf Gemeinsamkeiten sowie auf ein übergeordnetes Ziel gelegt werden: dem Ende des weißen Patriarchats.