Interkulturell, antirassistisch, gleichstellungsorientiert: die Arbeit mit der Redaktionsgruppe „Was geht, Almanya?“

Die Methode des Empowerment-Ansatzes ist die Basis meiner Arbeit mit jungen Menschen. Der ressourcenorientierte und machtkritische Ansatz des Empowermentkonzepts bricht mit defizitorientierten, hierarchisierenden und entwertenden Ansätzen und Politiken und stellt die Betroffenen in den Fokus der Aufmerksamkeit. In diesem Zusammenhang ist eine wertschätzende, vorurteilsbewusste sowie machtkritische Haltung notwendig, um die Potenziale und Ressourcen Jugendlicher sichtbar machen zu können. Die Grundhaltung hierbei ist klar: Ich glaube an euch und daran, dass ihr eine Bereicherung für unsere Gesellschaft seid. Denn als Workshopleiter muss ich erst einmal signalisieren, dass Vielfalt ein Geschenk ist, eine Verschiedenartigkeit, die gleichwertig nebeneinander und vor allem miteinander, existieren kann. In einer – auch von Einwanderung – geprägten Gesellschaft leben wir von Vielfalt. Eine gute Leitung bringt unterschiedliche Menschen an einen Tisch. Sie sorgt dafür, dass sich alle angesprochen, wertgeschätzt und mitgenommen fühlen. Zudem ist eine diversitätsbezogene Perspektive notwendig, die eine ständige Selbstreflexion der eigenen Haltung bedarf.

Ich versuche immer, eine angenehme, wertschätzende und auch humorvolle Atmosphäre zu schaffen und den Jugendlichen vielfältige Möglichkeiten zu geben, sich mitzuteilen und zu kommunizieren. Das können Schauspiel, Musik, Film oder Poetry Slam sein. Ich weiß, junge Menschen beschäftigen viele Dinge und sie haben ein Mitteilungsbedürfnis. Oft fehlt ihnen aber eine geeignete Plattform. Ich mache ihnen klar, dass es um ihre Ideen, um ihre Vorstellungen geht und nicht darum, Erfüllungsgehilfen für meine Ideen zu sein. Jugendliche wachsen von Mal zu Mal über ihre eigenen Grenzen hinaus. Ich verstärke dies gezielt, indem ich kleinere oder größere Aufgaben und Verantwortungen abgebe. Als Vermittler gehe ich offen auf die Jugendlichen zu und bin stets neugierig, etwas von ihnen zu erfahren. Und ich teile meine eigenen Erfahrungen mit ihnen, wenn es die Situation erfordert. Dabei ist es sehr wichtig, viel Geduld mit- und aufzubringen. Wer an einem solchen Lernort gute Erfahrungen gemacht hat, kommt auch gerne wieder.

Das Angebot hat meiner Erfahrung nach eher eine sekundäre Bedeutung. Die persönliche Bindung ist hingegen enorm wichtig: Wer bietet etwas an? Was ist das für eine Person? Wie geht sie mit mir um? Und kann ich ihr vertrauen? Pädagogische Fachkräfte sollten stabile und verlässliche Vorbilder sein und die Leidenschaft für die Arbeit mit Jugendlichen auch authentisch zeigen können. Und sie sollten Jugendliche als gleichwertige Partner*innen wahrnehmen. Jugendarbeit heißt für mich, Jugendliche ernst zu nehmen, aber sich auch mit ihnen auseinanderzusetzen und eventuellen Grenzüberschreitungen, beispielsweise wenn Jugendliche sexistischen und/oder menschenverachtenden Gangsta-Rap machen wollen, argumentativ einen Riegel vorzuschieben. Die Jugendlichen stellen während einer konstruktiven Auseinandersetzung und im Rahmen eines Austauschs auf Augenhöhe in der Regel fest, der ist echt cool, von ihm kann ich etwas lernen, er will mir nichts Böses.

Vor diesem Hintergrund beginne ich die Workshops mit theaterpädagogischen Übungen, um die Atmosphäre aufzulockern und um allen einen niederschwelligen Zugang zu ermöglichen. Diese Übungen dienen auch dazu, sich innerhalb der Gruppe kennen zu lernen und sich wohl zu fühlen. Danach erst beginnt der Austausch bisheriger Erlebnisse in sogenannten „geschützten Räumen“ im Hinblick auf erlebte bzw. erfahrene Ungleichheit sowie rassistische und diskriminierende soziale Gewalt­ und Unterdrückungsstrukturen. Diese persönlichen Erfahrungen sind Gegenstand der Gespräche innerhalb der Gruppe, sie werden reflektiert und auf ihre (Aus-) Wirkung bei den Betroffenen untersucht. „Was haben diese Gewalt-, Ausgrenzungs- und Unterdrückungserfahrungen mit mir gemacht?“ und „Wie schätze ich meine eigenen Fähigkeiten ein, diesen Erfahrungen aus eigener Kraft entgegenzuwirken?“ sind hierbei die zentralen Fragen. Das Erzählen der teilweise ausgeblendeten oder verdrängten Erfahrungen (im familiären und schulischen Kontext, bei der Ausländerbehörde etc.) und deren Aufarbeitung in Szenen und Songtexten helfen durch Bewusstwerdung und Selbstreflexion die eigene Situation zu verstehen und einzuordnen, um so Zugang zu den für die Veränderung notwendigen eigenen Ressourcen und Potentiale zu erlangen.

Diesen Ansatz und der damit verbundene Prozess der Selbstermächtigung sowie das Erkennen der eigenen Ressourcen und Handlungspotentiale habe ich mit der Gründung unserer Band „Sons of Gastarbeita“ Anfang der neunziger Jahre am eigenen Leib erlebt. Das Benennen von persönlicher Ausgrenzung und Diskriminierung in vielen Gesprächen (Proberaum = geschützter Raum) und in den Songtexten verhalf uns, die eigene Ohnmacht zu überwinden und uns eine Stimme zu geben, die weit über die Grenzen unserer Heimatstadt zu hören war. Wir erkannten sehr schnell, dass das Aneignen von Wissen notwendig war, um den Songtexten nötige Inhalte zu verleihen und um über fundierte Argumente zu verfügen, die uns verhalfen, jeder Diskussion und jedem Interview standhalten zu können. Die Auseinandersetzung einhergehend mit der Wahrnehmung der unterschiedlichen Perspektiven und individuellen Erfahrungen sowie der konstruktive Austausch innerhalb der Band halfen uns darüber hinaus bei der Identitätsfindung. Wir haben uns, im Gegensatz zur mehrheitlichen Sichtweise der Gesellschaft, als Deutsche definiert (ohne die Wurzeln unserer Herkunft abzulegen oder gar zu verleugnen) und uns somit erstmalig selbst bestimmt. Das Erlangen der Definitionsmacht war ein wichtiger Faktor zur Selbstermächtigung, die zahlreichen Auftritte, Interviews, CD-Produktionen, TV- und Radioauftritte ein weiterer wichtiger Schritt in Richtung Selbstwirksamkeitserfahrungen. Die dadurch erworbene Credibility, gerade in Kreisen, in denen Ausgrenzung und Unterdrückung zum Alltag gehörten, wirkte sehr motivierend und nachhaltig auf uns und auf die daraus resultierende Haltung und Lebenseinstellung.

Die Teilnehmer*innen hatten zu Beginn der Workshops wenig bis kein Wissen bezüglich ihrer Mitwirkungs- und Mitgestaltungsmöglichkeiten. Darüber hinaus schätzten sie ihre eigenen Fähigkeiten, ihr Leben in die eigene Hand nehmen und eine Veränderung in ihrem Lebensumfeld herbeirufen zu können, als sehr gering ein. Meine Aufgabe bestand also darin, den Jugendlichen mit Hilfe von Schauspiel und Musik einen tieferen Zugang zu verschiedenen Themen zu ermöglichen und ihnen gleichzeitig eine Plattform zu geben, zum einen diese diskriminierenden und ausgrenzenden Erfahrungen öffentlich zu machen und zum anderen selbstentwickelte Lösungsansätze für mehr Teilhabe in ihren Sozialräumen zu formulieren und auf die Bühne zu bringen. Der Prozess in den Workshops diente somit der Überwindung der eigenen Ohnmacht und der Selbststärkung sowie der Entwicklung von Widerstands- und Handlungsstrategien. In diesem Zusammenhang verfolge ich zwei Ziele: Zum einen das Erkennen der Beteiligungsmöglichkeiten auf verschiedenen Ebenen und zum anderen das Bewusstwerden der eigenen Ressourcen. Ohne das Wissen um die eigene Selbstwirksamkeit ist eine gesellschaftliche Beteiligung und eine damit einhergehende Veränderung der Machtverhältnisse nicht wirklich möglich. Aber um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, bedarf es eines längeren Prozesses der Auseinandersetzung mit den vorherrschenden Machtverhältnissen und der Erprobung der eigenen Handlungspotentiale. Das Forum Theater nach Augusto Boal (auch „Theater der Unterdrückten“) bietet den Teilnehmer*innen eine geeignete „Bühne“, die im Vorfeld in der Gruppe formulierten Erfahrungen der Ohnmacht, der Unterdrückung und Ausgrenzung spielerisch zu überwinden.

Im Rahmen eines bundesweiten Treffens von meinTestgelände haben wir in einer kleineren Gruppe eine Szene inszeniert, die eine persönliche Erfahrung eines Teilnehmers im Kontext von Schule widerspiegelte und in der der Protagonist unterdrückt wurde und einem Hindernis gegenüberstand, das er nicht überwinden konnte. Nach der Darstellung der (Konflikt-) Szene hatte die Gesamtgruppe (also die Jugendlichen, die nicht an der Szene beteiligt waren) die Möglichkeit, selbst auf die Bühne zu gehen und darzustellen, welche alternativen Handlungsoptionen es für den Protagonisten gegeben hätte, die eigenen Interessen und Ziele zu konkretisieren und selbstbewusst für diese einzustehen. Die Schauspieler*innen erprobten ihre Alternative, bei der sie relativ schnell merken konnten, ob diese eine erfolgreiche Strategie darstellte oder nicht. Daraus resultierte eine Debatte, in der die Jugendlichen ihre Erfahrungen und Ideen austauschen und auf ihre Wirksamkeit erproben konnten. Die szenische Darstellung der Konfliktsituationen bot den Personen, die zuvor wenig Einblick in die Problematik der Zielgruppe hatten, ein tieferes Verständnis für deren Situation. So konnten die „weißen Deutschen“ hautnah miterleben, welche ausgrenzenden Erfahrungen rassifizierte Jugendliche gemacht haben. In einer weiteren Szene wurde verdeutlicht, welche Erfahrungen Frauen mit dem Thema Sexismus in Schule, Familie, Partnerschaft und Beruf machen mussten. Das Publikum wird aktiviert und entwickelt über das Wahrnehmen der anderen Perspektive ein Gefühl der Solidarität. In einem gemeinsamen Prozess wurden die Szenen weiterentwickelt, geprobt und aufgeführt.

Eine weitere Methode ist die szenische und musikalische Umsetzung von mir vorgegebenen Impulsen bzw. Anregungen und Ideen, die sich aus den Gesprächen mit den Jugendlichen ergeben haben. Diese werden von einer kleineren Gruppe innerhalb eines überschaubaren Zeitrahmens umgesetzt. Jugendliche haben einen Hang zur spielerischen Umsetzung von Themen, die sie betreffen und die mit ihrer Lebenswirklichkeit zu tun haben. In den verschiedenen Kleingruppen mit immer wieder wechselnden Zusammensetzungen werden dadurch ein Erfahrungsaustausch und eine reflektierte Auseinandersetzung zu einem bestimmten Thema ermöglicht bzw. vereinfacht. Hier wird in besonderem Maße die eigene Kreativität, die Dialogfähigkeit und eine selbstständige Erarbeitung und Umsetzung gefördert. Die regelmäßigen Präsentationen der Workshopergebnisse vor der Gesamtgruppe mit dem Feedback seitens der Zuschauer*innen bilden die Grundlage, um über das Gesehene und Gehörte zu diskutieren.

In einem dieser Treffen ging es um das Thema Männlichkeit. Ausgangslage war die Aussage eines Teilnehmers in Richtung eines anderen Jugendlichen, dieser sei zu schmächtig, daher könne er kein richtiger Mann sein. Dies habe ich als Anlass genommen, mit den Jungs das Thema aufzugreifen und gemeinsam zu reflektieren, mit welchen Vorstellungen von Männlichkeit wir aufgewachsen sind, was diese Vorstellungen mit uns machen und was sie für jeden Einzelnen bedeuten, der diesen Normen nicht entspricht. Nach einer sehr emotional geführten Diskussion unter Beteiligung aller Teilnehmenden entschieden sich die Jungen für eine Song- und Videoclipproduktion. Sie hatten das starke Bedürfnis, ihre Erkenntnisse einem breiteren Publikum mitzuteilen. Also begannen wir in wöchentlichen Treffen, die verschiedenen Ideen in einen Songtext umzusetzen und diesen anschließend aufzunehmen. So entstand in einem mehrwöchigen Prozess der HipHop-Song „Equality“. Die Jungen äußerten den Wunsch, dass der Refrain gesungen werden sollte. Da niemand von ihnen über besondere gesangliche Fähigkeiten verfügte, fragten sie eine weibliche Teilnehmerin, die letztlich nicht nur den Refrain aufnahm, sondern auch im Videoclip mitwirkte. Die Jugendlichen agierten bei der künstlerisch-kreativen Umsetzung in allen Belangen gleichberechtig und „auf Augenhöhe“ mit. Meine Expertise (Textarbeit) und die Expertise meiner Kollegen (Song- und Filmproduktion) diente lediglich der professionellen Umsetzung der Gesamtproduktion. Alle Entscheidungen im Hinblick auf Inhalt und Form wurden in der Gesamtgruppe diskutiert und entschieden.

Hier ist es wieder gelungen, Menschen mit ähnlichen (Sozialisations-) Erfahrungen zusammenzubringen und mit ihnen bis zur Erstellung eines vorzeigbaren Ergebnisses zusammenzuarbeiten. Auch ich als männlich positionierte Person habe diese Erfahrungen gemacht. Wenn ich mit Jungen in einem Raum sitze, sind wir Menschen mit sehr ähnlichen Erfahrungen, die wissen, wovon sie reden. In geschützten Räumen können Betroffene ihre diskriminierenden und ausgrenzenden Erfahrungen austauschen und reflektieren. Gleichgesinnte erfahren dort Empathie, Solidarität und Vertrauen. In geschützten Räumen werden Teilnehmende ermutigt, ihre eigenen Stärken und Ressourcen zur Überwindung der eigenen Ohnmacht zu entdecken und an sich zu glauben. Und im besten Fall ein vorzeigbares Ergebnis abzuliefern.