Muskeln, Macher und Humor – Männlichkeiten* aus Sicht von 14 Autor*innen

Männlichkeit hat nicht gerade Konjunktur, das Adjektiv toxisch wirkt und es hat den Anschein, dass Männlichkeit etwas ist, mit dem Jungen ein ‚Identifikationsproblem‘ haben und wofür sie sich eher entschuldigen müssen, als dass sie damit prahlen können. Oder geben am Ende doch die „Gewinnseiten“ der Zweigeschlechtlichkeit den Ausschlag? Schauen wir, wie sich die Jungen* und jungen Männer* auf meinTestgelände dazu äußern. 

Dominik bezieht seit vielen Jahren Stellung zu verschiedenen Themen auf meinTestgelände. Er legt Wert darauf, sein Weltbild aus verschiedenen Perspektiven zu begründen. Bei dem Thema Männlichkeit* denkt er zunächst an das Werbe- und Filmbild des „starken, souveränen Machers, muskelbesetzt, der vielleicht ironisch ist, aber niemals weint“. Doch finden sich in seinem persönlichen Umfeld andere Werte: „gutes Zuhören, Einfühlungsvermögen, Humor und Geselligkeit“. Dominik meint in seinem Beitrag „Was ist Männlichkeit?“ Eine endgültige Antwort – meinTestgelaende.de, dass die Frage eher bedeutet: “Was sollte Männlichkeit heute sein?” und er macht aus, dass dem Thema eine Art Verhaltensvorschrift innewohnt. Seine Botschaft lautet, die Gendergrenze im Kopf zu überwinden, um die eigentliche Frage stellen zu können: „Was macht dich glücklich?“

Abdul berichtet in einem Interview https://www.meintestgelaende.de/2016/10/was-macht-fuer-dich-einen-mann-aus/ , dass „Mann-Sein“ für ihn bedeutet, ehrlich zu sich selbst zu sein, zu seinen Gefühlen zu stehen und diese auch zu zeigen. Damit beschreibt er persönliche Prioritäten abseits der Gender-Normierungen. 

In einem Theaterstück, das er mit drei weiteren Jungen* erstellt, aufgeführt und dokumentiert hat Was ist männlich? – meinTestgelaende.de haben die Vier sich mit der Frage nach Männlichkeit theatral auseinandergesetzt. Sie beschreiben in einem sehenswerten Sketch, dass Jungen* viele Aufgaben und Eigenschaften zugesprochen werden, um Männlichkeit zu beweisen: beschützen, tief sprechen, nicht viel Zuneigung zeigen, so zu ‚riechen‘ wie ein Mann, sich zu prügeln und vor allem „keine Gefühle zu zeigen“. Aber, so die Quintessenz, das ist „viel zu anstrengend“ und … diese Erkenntnis betrifft auch die anderen Jungs*.

Auch in der Redaktionsgruppe der Hamburger „Story-Teller“ war Männlichkeit* ein Thema. Melanie Lux schreibt hier Was bedeutet es ein Mann zu sein? – meinTestgelaende.de, dass es Männer aus ihrer Sicht oft einfacher haben, sie allerdings auch gemerkt hat, dass Jungen* lernen, öffentlich keine Gefühle zu zeigen, dafür aber mutig und beschützend sein zu sollen. Gewalt, ob in der Beteiligung an kriegerischen Handlungen oder bei Vergewaltigungen sieht sie dabei auch eng mit „Männlichkeit“ verbunden, ja sie nimmt diese als männliche Eigenschaft wahr, auch wenn sie „zärtliche Familienväter oder Jungs, die weicher fühlen“ oder „auch ganz viele tolle Männer“ benennt. Auch aus diesem Beitrag spricht die Ambivalenz, die in fast allen Beiträgen zu spüren ist: der Anspruch an das Bild klassischer Männlichkeit und die fehlende Kongruenz zur eigenen Person.

Das beschriebene klassische Geschlechterbild bestätigen junge Männer* aus der Redaktionsgruppe „Die jungen Helden“. https://www.meintestgelaende.de/2017/06/mann-sein-ein-gespraech-unter-jungen-teil-1/  Alexandros etwa beschreibt, dass er gerne seine ältere Schwester beschützt „weil die Mädchen nicht so viel Kraft haben und sich nicht so wehren können“. Diese Beschreibung bestätigt sein Freund Kadir und sieht darin eine Übernahme von Verantwortung und einen Vertrauensbeweis der Eltern. Im gleichen Gespräch bemerkt Kadir dann, dass dies aber auch gerade „am Mann-Sein so negativ ist, dass gefordert wird, dass Männer keine Schwäche zeigen sollen – das setzt viele Männer unter Druck.“ Andy schränkt ein: „In der Schule zeigen wir unsere Gefühle nicht – unseren Freunden schon und wir reden auch darüber.“ Mann sein – ein Gespräch unter Jungen (Teil 2) – meinTestgelaende.de

Auch eine weitere Geschlechterwahrnehmung bestätigen die Jungen*: Sie erleben eine „sehr gute Bindung“ oder eine Art „Brüderschaft“ unter sich und ihren Freunden, die auch eine Meinungsverschiedenheit aushält und nicht zu anhaltenden Streitigkeiten führt. Insgesamt genießen sie die „Freiheiten, die man als Mann hat“. Und Andy propagiert dazu auch noch eine „Unverwundbarkeit“ als Mann, nicht ohne dabei zu bemerken, dass er es „als Frau[…]bedrückend“ finden würde, „dass die Männer dominanter sind.“ Alexandros schildert zum Abschluss seine Wahrnehmung, dass „Jungs viel mehr so sein [können], wie sie sind“, obgleich er wenige Worte später sagt: „Es ist doch so: Sobald wir in die Schule gehen, sind wir eine andere Person. Wir verstellen uns einfach, damit wir in der Gesellschaft gut ankommen. Man will ja dazugehören und dafür muss man in ein bestimmtes Raster passen und auch Markenklamotten tragen. Das fängt Ende der Grundschule an. Es gibt auch die Angst, dass man ein Außenseiter ist oder gemobbt wird, wenn man nicht in die Gesellschaft passt.“

Jungen* kennen nicht nur die normierten Erwartungen an sich, sie wissen auch genau, was sie unter Beweis stellen müssen und welche Erlaubnisse damit verbunden sind. Nicht immer ist ihnen klar, wie wenig dies mit ihrem eigenen Sein zu tun hat – doch das Versprechen “dazu zu gehören” verdeckt diese Erkenntnis. Und zugleich erleben sie, dass es den Mädchen da nicht besser geht. „Ich habe eine beste Freundin“, sagt Alexandros „und finde es schön, so wie es ist. Wenn ich weiß, da ist keine Maske aufgesetzt.“

Der Blick auf das, was als männlich gilt, wird auch von Dominic Mazucco in einem PoetrySlam von Queerblick vorgestellt. Was Männer wollen – meinTestgelaende.de Eine Kostprobe: „Männern ist nicht kalt, sie zittern nur vor Wut, dass es nicht noch kälter ist“. Er spielt sprachlich mit vielen Zuschreibungen und schlussfolgert: „Nicht unser Handeln definiert uns, sondern die Einstellung zu uns selber, zumindest nur für uns.“

Memo beschreibt in seinem Poetry-Beitrag https://www.meintestgelaende.de/2019/05/maennlichkeit-2/ das männliche Privileg als eines, das gesellschaftlich über die Gerechtigkeit gestellt wird. Dennoch beschreibt er, dass der enge Zuweisungsrahmen “Härte zeigen, sein Wort halten oder stark sein” ihn schon als Kind eingeengt hat. Letztendlich hat er die Erkenntnis für sich gefunden, dass er seine Männlichkeit selbst bestimmen und damit Stereotypen von sich weisen kann.

Die große Bedeutung der Frage, ‚wann bin ich männlich?‘ und ‚wann bin ich es nicht‘ können wir auch bei Adrian Adu hören. In diesem Beitrag https://www.meintestgelaende.de/2019/03/rollenbildnis/ beschreibt er, was es für ihn bedeutet männlich zu sein: Die Themen sind: heterosexueller Frauenheld, mega Stärke & Muskeln haben, tiefe Stimme & Körpergröße besitzen, bereit sein für den Kampf, handwerklich begabt-sein und Bier trinken; auf der Liste, was nicht männlich ist, benennt Adrian: Angst haben, Körperpflege, die Farbe rosa mögen, sich schminken, einen Rock tragen, Liebensfilme sehen, weinen und schwach sein, Wein trinken, die Beine überschlagen und kuscheln.

Abschliessend slammen Emre und Soufian von den Duisburger HeRoes darüber, was Jungen spüren: https://www.meintestgelaende.de/2018/12/emre-und-soufian-maennlichkeit/ 

Ihre Motivation wird in dem Kurzinterview im Anschluss deutlich: „Man wächst in eine Rolle rein, in die man gar nicht will. Man kann nicht sein, wer man wirklich ist. Und entspricht man nicht dem Klischee, wird man komisch angestarrt“. In ihrem Beitrag wird deutlich, dass Männlichkeit früher -als Junge*-  gar kein Thema ist, aber das eigene Verhalten, selbst das was Jungen* fühlen, einem bestimmten Bild entsprechen muss. Sehr nachhaltig bleiben die Worte im Raum „Warum drängt man mich, jemand zu sein, der ich gar nicht bin? Bin ich denn so falsch, dass mich keiner versteht? Ich möchte hier raus…“

Für die Jungen*arbeit lassen sich aus diesen Beiträgen folgende Erkenntnisse ziehen:

Jungen* sind die bestehenden Männlichkeitsvorgaben sehr bewusst und sie versuchen diese so lange zu erfüllen, bis sie merken, dass ihnen damit ihr Leben, ihre eigene Entwicklung genommen wird.

Jungen*profitieren von den Bevorzugungen, den Freiheiten, dem Dominanzverhalten und der Ausrichtung auf Macht- und Gewaltstrukturen,
  a) solange sie diese Zuschreibungen auch erfüllen;
  b) solange sie die Einschränkungen, die damit verbunden sind, als gering oder nicht-existent einordnen;
  c) solange sie nicht reflektiert haben welche schädigenden Auswirkungen das anscheinend “natürliche, männliche” Verhalten auf sie und andere Menschen hat.
Für die Jungen*arbeit bedeutet das dann: Zuschreibungen und Geschlechternormierungen aufgreifen, Risiken und Schädigungen benennen sowie Werte reflektieren.

Beiträge zu dem Tag ‚Männlichkeit‘ auf meinTestgelände: https://www.meintestgelaende.de/schlagwort/maennlichkeit/ 

Michael Drogand-Strud – Projektleitung meinTestgelände