Perspektiven für Qualitative Forschungen zu meinTestgelaende – eine Skizze

Die vorgeschlagenen sozialwissenschaftlichen Analysemöglichkeiten vom Gendermagazin meinTestgelaende beziehen sich nicht auf Nutzungs- oder Partizipationsaspekte, sondern auf den Inhalt und die Darstellungsformen. Das Material ist inhaltlich hervorragend für Diskurs- und Inhaltsanalysen in unterschiedlichen Disziplinen der Sozialwissenschaften geeignet. Im Material bilden sich Diskurse zu Geschlechtervorstellungen von Jugendlichen und (jungen) Erwachsenen seit knapp 10 Jahren ab. Unterschiedliche qualitative Analysen des Inhalts von meinTestgelaende erlauben Einblicke zu Vorstellungen von Jugendlichen über Geschlecht, Gerechtigkeit und gesellschaftliche Teilhabe. Damit liegt ein Material vor, welches hohen partizipativen und subjektorientierten Charakter hat. Durch die Kombination aus visuellen und kommunikativen Elementen werden nicht nur thematische Diskurse abgebildet, sondern auch ästhetische Repräsentationen und Ausdrucksformen von Geschlecht inszeniert und damit der performative Charakter von Geschlecht aufgegriffen.

Dabei versprechen Analysen der thematisierten und repräsentierten Geschlechterkonzeptionen, der Transformationsvorstellungen, der Sichtweisen auf Ungleichheiten und der Bildpolitiken sowie der Diskurse für Geschlechter-, Sozial- und Jugendforschung interessante Ergebnisse.

Disziplinen:

  • Soziologie (z.B. Ungleichheitsforschung, Migrations- und Rassismusforschung)
  • Erziehungswissenschaft (z.B. Sozialisationsforschung, Jugendforschung, allgemeine Erziehungswissenschaft)
  • Geschlechterforschung (z.B. Gender Studies, Queer-Studies)
  • Politikwissenschaft (z.B. Transformationsforschung)
  • Gesellschaftswissenschaft (z.B. Linguistik, Philosophie, Kultur- und Medienwissenschaft)

1. Geschlechterkonzeptionen: Welche Vorstellungen von Geschlecht werden thematisiert?

meinTestgelaende lädt junge Menschen ein, ihre jeweiligen persönlichen Geschlechterrepräsentationen auszudrücken und bietet  den Perspektiven Jugendlicher einen eigenen Artikulationsraum  an.

Über die Website besteht die Möglichkeit sich mit Videos, Fotos, Texten oder Songs zu unterschiedlichen, selbstgewählten geschlechtsbezogenen Themenbereichen zu artikulieren. Die Formen der Darstellung eigener Standpunkte zu Geschlechterbildern und Geschlechterverhältnissen sind dabei so vielfältig, wie die jungen Menschen selbst. Im Kontext der Seite erhalten Positionierungen von cis Mädchen und jungen Frauen, cis Jungen und jungen Männern sowie LGBTIQ*+ Jugendlichen Raum, die Vorstellungen von Geschlechterbildern zum Inhalt haben. Ebenso repräsentiert meinTestgelaende Positionierungen von von queerer sowie von rassistischer Marginalisierung betroffenen Jugendlichen.

Mögliche Forschungsfragen:

  • Auf welche Art wird Geschlechtlichkeit thematisiert? Wie wird Geschlecht zwischen gesellschaftlicher Strukturkategorie und individuellem ‚doing gender‘ dargestellt?
  • Welche geschlechtlichen Selbstverortungen werden thematisiert?
  • Als was wird Geschlecht begriffen?
  • Werden Absichten, Ziele oder Utopien mit den Geschlechterthematisierungen verbunden?
  • Wird und wenn ja, wie thematisieren die Akteur*innen Geschlechtervorstellungen, die  an sie herangetragen werden, die sie nicht bedienen können oder wollen?
  • Wie werden Zusammenhänge zwischen Männlichkeit und Jungen, bzw. Weiblichkeit und Mädchen perspektiviert und wie die Perspektiven von LGBTIQ*+ auf die binäre Einteilung von Geschlecht?
  • Wie werden Relationen von Junge sein – Mädchen sein (in der Binarität) als auch Männlichkeit – Weiblichkeit und sowie nichtbinäre Geschlechtlichkeiten perspektiviert?
  • Welche Veränderungen der Positionierungen sind seit den Anfängen der Website in den Beiträgen der jungen Menschen erkennbar?
  • In welcher Weise werden Selbstermächtigung, die Schaffung von Identifikationsmomenten und/oder Unterhaltung für die User*innen thematisiert?
  • Wie positionieren sich Jugendliche in Bezug auf geschlechtliche Zugehörigkeiten und wie beschreiben sie ihr Verhältnis zur eigenen Handlungs- und Gestaltungsfähigkeit?

2. Gesellschaftliche Transformation: Wie werden Machtverhältnisse und gesellschaftliche Transformationen adressiert?

meinTestgelaende zielt darauf ab, jungen Menschen die Möglichkeit zu geben, ihre Gedanken für die Gestaltung von Gesellschaft mit Blick auf Geschlecht zu artikulieren.

Geschlecht ist eine soziale Kategorie, die nicht nur Zugehörigkeiten beschreibt, sondern auch Ungleichheitsverhältnisse zementiert. Adressiert wird mit meinTestgelaende die Hoffnung auf gesellschaftliche Transformation in Richtung geschlechtliche Vielfalt, die  von unterschiedlichen Standpunkten der Akteur*innen aus gedacht und artikuliert werden kann. Forschungsfragen könnten sich etwa auf das Verhältnis von Gesellschaft und Individuum richten. Weiter ist interessant, in welcher Weise das – für die Geschlechterforschung konstitutive – Bezugsproblem von Gleichheit und Differenz verhandelt wird. Besondere Bedeutung kommt der Qualität von Transformationen von Machtvorstellungen mit Blick etwa auf Normen, Diskurse, Zugehörigkeit, Freiheit oder Gerechtigkeit zu. Analysiert werden könnten auch die unterschiedlichen Ausdrucksformen der Utopievorstellungen der jungen Menschen.

Mögliche Forschungsfragen:

  • Welche gesellschaftlichen Konzepte von Gleichheit, Differenz und Macht werden aufgegriffen?
  • Wie werden diese Konzepte in den Artikulationen der jungen Menschen aufgegriffen und bearbeitet?
  • Werden Geschlechterdifferenzen betont oder Vielfalt und Individualität thematisiert?
  • Wie und welche Vorstellungen von Macht und Normen werden thematisiert?
  • Welche individuellen oder gesellschaftlichen Utopien werden formuliert?
  • Werden Geschlechterutopien formuliert, die Verhältnisse ohne Diskriminierungen oder Normierungen thematisieren? Welche Rolle spielt darin noch Geschlecht?
  • Welche Veränderungen der Positionierungen sind seit den Anfängen von meinTestgelaende  in den Beiträgen der jungen Menschen erkennbar?
  • Welche unterschiedlichen eigenen Positionalitäten zeigen sich in den Beiträgen? (Wie) hängen diese mit Vorstellungen von Transformationen zusammen?

3. Intersektionalität: Welche Formen und Dimensionen von Ungleichheiten werden wie thematisiert?

meinTestgelaende lädt aus einer intersektionalen Perspektive dazu ein, in den Beiträgen verschiedenen Dimensionen von sozialen Differenzen zu thematisieren.

Tradierte Geschlechterkonzepte sind darüber hinaus intersektional mit weiteren sozialen Ungleichheitsdimensionen verknüpft, ohne die Diskriminierungen durch Ungleichheit nicht ausreichend erklärt werden können. Zu analysieren wäre, welche Ungleichheitsdimensionen (Geschlecht, Ethnizität, Klasse, Nationalität, Sexualität, Alter etc.) adressiert werden und auch, welche nicht. Wie zeigt sich, dass die jungen Menschen unterschiedliche Dimensionen (nicht) aufgreifen?

Mögliche Forschungsfragen:

  • Welche Ungleichheitsdimensionen werden adressiert und welche nicht?
  • Werden die Beiträge bzw. die darin benannten intersektionalen Ungleichheiten in Relation zu Geschlecht dargestellt?
  • Welche Bedeutung erhalten Themen wie Rassismus, Klassizismus oder Anti-Semitismus?
  • Verknüpfen die jungen Menschen in den Beiträgen mehrere Differenzkategorien? Wenn ja, welche Dimensionen werden zusammengedacht?
  • Aus welchen gesellschaftlichen Positionen (arm*reich, cis*queer, keine eigene bzw. familiäre bis hin zu eigener/familiärer Migrationsgeschichte, Stadt*Land etc.) sprechen die jungen Menschen?
  • Auf welche Arten und Weisen werden (Überlagerungen von) Ungleichheitsdimensionen angesprochen?
  • Welche intersektionalen Konzepte von Ungleichheit(-en) liegen den Beiträgen zugrunde? Werden Vorschläge zur Überwindung der Diskriminierung vorgetragen?
  • Welche Veränderungen sind seit den Anfängen der Website in den Beiträgen erkennbar?

4. Bildpolitiken: Wie wird Geschlecht visuell dargestellt?

meinTestgelaende bietet Jugendliche eine Möglichkeit zur Nutzung visueller Kommunikationsmöglichkeiten bei der Artikulation von Geschlecht.

Bilder und Videos stellen einen bedeutsamen Bereich der modernen Repräsentation und Vermittlung von Geschlechterkonzepten insbesondere für Jugendliche dar. Im Gegensatz zu analogen Zeiten, in denen lediglich angebotene Bilder – auch die von Popkulturen wie beispielsweise vom Musiksender MTV geprägt – übernommen oder abgelehnt werden konnten, bietet das Internet und meinTestgelaende im speziellen die Möglichkeit, sich zu präsentieren und sich selbstbestimmt auszuprobieren. Hierbei erhalten die jungen Menschen – wenn gewollt – Unterstützung bei der Herstellung von eigenen Bildern und Texten durch die Redaktionsgruppen und das Online Team.

Dabei geraten im Kontext digitaler Möglichkeiten und social media gewohnte Differenzen zwischen off- und online sowie zwischen privaten und öffentlichen Repräsentationen längst durcheinander und verweben sich zu neuen Herausforderungen und Partizipationsmöglichkeiten. Durch weiterführende Fragen könnten Körperrepräsentationen, die visuelle Bildsprache und Komposition von Beiträgen in den Blick genommen werden. Es bieten sich beispielsweise kontrastierende Auswertungen im Zeitverlauf sowie in geschlechtlichen Positionierungen und Selbst- und Fremdrepräsentationen an.

Mögliche Forschungsfragen:

  • Wie inszenieren sich Jugendliche in den Videos?
  • Welche ästhetischen Kompositionen aus Text, Videos und Ton werden in den Beiträgen zum Ausdruck gebracht? Welche Stilmittel finden Anwendung?
  • Werden gesellschaftlich oder jugendkulturell virulente ästhetische Konzepte und Repräsentationen aufgegriffen, zitiert oder persifliert?
  • Werden ästhetische und visuelle Formen mit Vorstellungen von Kritik und Utopien verknüpft?
  • Welche Räume für welche Formen von experimentelle(n) Visualisierungen werden erschlossen?
  • Welche Veränderungen der visuellen Darstellungen sind seit den Anfängen von meinTestgelaende erkennbar?

5. Diskurse: Wie werden Themen thematisiert?

Wesentlich für Debattenbeiträge und Diskurse auf meinTestgelande ist nicht nur der Inhalt, sondern auch die Art und Weise, wie dieser Inhalt zur Sprache kommt.

Geschlechterverhältnisse beruhen nicht nur auf diskursiven und materiellen Inhalten und Darstellungen, sondern wissenschaftstheoretisch auch auf der Art und Weise, wie Aussagen und Diskurse überhaupt organisiert sind, auf der Basis welcher ‚diskursiven Spielregeln‘ das Thema überhaupt in den Blick geraten kann. Dadurch werden legitime und illegitime Sprechpositionen geregelt und Machtverhältnisse wie Selbstrepräsentationen organisiert und spezifische Subjektfigurationen hervorgebracht.

Mögliche Forschungsfragen:

  • Wie und durch welche Bezugnahmen entwickeln sich Diskurse innerhalb der Beiträge auf meinTestgelaende?
  • Welche Begriffe oder visuellen Marker werden als positive Bezugspunkte artikuliert, welche kritisiert?
  • Auf welche ‚Diskursereignisse‘ wird Bezug genommen? Was wird als
    Diskursereignis inszeniert?
  • Was kommt nicht zur Sprache? Werden durch (Nicht-)Thematisierung neue Ausschlüsse und ‚Wahrheitsregime‘ produziert?
  • In welcher Weise wird Geschlecht und Ungleichheit angesprochen? Was wird als Referenz für welche Positionen herangezogen? Was wird im Diskurs als legitim verstanden und welche Positionen als illegitim markiert?
  • Welche Bedeutung geben die Beiträge den Subjektfigurationen der Produzent*innen?
  • Welche Personengruppen oder Milieus artikulieren sich nicht?
Prof. Dr. Jürgen Budde

Prof. Dr. Jürgen Budde

Jürgen Budde forscht und lehrt an der Europa-Universität Flensburg zu Zusammenhängen von Bildung, Differenz und Ungleichheit
juergen.budde@uni-flensburg.de

Prof. Dr. Jürgen Budde - Abteilung Schulpädagogik - Abt. Schulpädagogik - Europa-Universität Flensburg

Jan Heitmann

Jan Heitmann

Jan Heitmann leitet den Verein "Jungenarbeit Hamburg e.V." und organisiert in diesem Rahmen Veranstaltungen und Vernetzung.
Heitmann@jungenarbeit.info
www.jungenarbeit.info