„Jugendliche sind sexwütig“ ist ein gängiges Vorurteil. Wie kompliziert und manchmal auch schmerzhaft Sexualität oft ist, erzählen sie auf meinTestgelände
Über Schlampen, Helden und Tabus: Was Jugendliche über Sexualität sagen
Auf meinTestgelaende.de schreiben und performen junge Menschen aller Geschlechter über (ihre) Sexualität und über Aspekte, die sie dabei bewegen, verletzen und beschäftigen. Deutlich wird: Sexualität macht viele Probleme und für die Geschlechter sehr unterschiedliche.
Jugendliche Sexualität ist nur in engen Grenzen nicht tabuisiert
Was wird nicht alles über jugendliche Sexualität geschrieben. Viele Medien überschlagen sich seit Jahren mit Behauptungen, dass die heutige Jugend sich von öffentlich zugänglichen Pornos „ernährt“, hypersexualisiert daher kommt, kaum mehr Sex, Partnerschaft und Liebe miteinander in Verbindung bringt und überhaupt reichlich „verdorben“ ist. Das sind mediale, erwachsene Bewertungen jugendlicher Sexualität, die jede Generation von Jugendlichen trifft. Was aber stimmt, ist, dass Sexualität für Jugendliche auch heute noch vielen Tabus und (gewalttätigen) Bewertungen von außen unterliegt und dass die Probleme, die Jugendliche im Kontext des Entdeckens und Auslebens ihrer Sexualitäten haben, oftmals genau mit diesen Bewertungen zu tun haben.
Schwul sein ist oft mit Angst und Abwertung verbunden
Schwul sein ist eins der zentralen Themen, wenn Jungen über Sexualität schreiben oder sprechen: Homosexualität unter Jungen wird dabei kaum als etwas Selbstverständliches, Schönes erzählt. Vielmehr geht es fast immer um Abwertungen, Beschimpfungen, Gewalt durch Dritte oder die Scham, die ein Outing hervorruft und die Angst, abgelehnt zu werden. Sven Hensels Slamtext „Pizza Margherita“ bringt sprachlich brutal auf den Punkt, welche Folgen ein Outing auch heute noch haben kann:
„Meine Eltern konnten mit mir nie über meinen Sex reden, weil sie ihn, wie alles andere auch, unter den Teppich kehrten, neben die Bierscherben, neben meine Identität, neben meine Liebe und neben das böse sch… Wort. … Ich wünschte, meine Eltern hätten mit mir über meinen Sex gesprochen. … Es wäre nicht darum gegangen, mir ein Lebensziel aufzudrängen sondern darum, dass ich auf mich aufpasse: mein Körper ist ein Geschenk, meine Eltern haben ihn selber gemacht und ich soll nicht einfach jeden daher gelaufenen Tunichtgut nichts Gutes mit mir tun lassen. Ich wünschte, sie hätten mich willkommen geheißen…“
(https://www.meintestgelaende.de/2018/03/pizza-margherita/)
In Svens Slam wird deutlich, welch zerstörerische Folgen die Unfähigkeit seiner Eltern, seine Homosexualität zu akzeptieren, für den Erzähler im Leben hatte und hat: er hält sich für wertlos und gibt seinen Körper und seine Sexualität wer immer sie will, spürt sich nicht mehr und verliert sich. Der Weg zurück zu sich selbst und zu seinem Selbstwert von da an ist lang.
Künstlerische Texte wie dieser Slam oder Songtexte bieten die Möglichkeit der Distanzierung und Anonymisierung. So kann die erzählte Geschichte zur sprechenden Person gehören oder auch nicht. Ein Kunstgriff, der Jungen Freiheiten eröffnet zu sprechen ohne sich zu outen.
Lesbisch lieben ist kaum Thema
Lesbisch sein dagegen ist viel weniger Thema und wenn, dann eher als Erzählung, die mit weniger Angst und Abwertung in Zusammenhang gebracht wird. Mädchen selbst berichten auf meinTestgelände nur selten über lesbische Liebensweisen und wenn, dann eher als Erfahrungsbericht denn als problematisch. Sarah zum Beispiel stellt sich in ihrem Beitrag als Sarah, 28 Jahre alt und lesbisch vor und erzählt, dass sie sich ihr ganzes Leben schon an Frauen orientiert und mit 12 Jahren geoutet habe.
„Ich bin zu meiner Mama gegangen … und hab zu ihre gesagt; du, du musst mir mal zuhören, ich hab dir was zu erzählen und hab total angefangen zu weinen, weil ich selbst mit mir so überfordert war und andererseits aber auch so glücklich, dass ich es endlich sagen kann und hab im gleichen Moment zu ihr gesagt: bitte sag´s nicht Papa. Sie hat´s natürlich Papa gesagt. Das fand ich auch vollkommen in Ordnung, weil das gehört ja einfach dazu, ist ja die ganze Familie. Das war aber der einzige unsichere Punkt, den ich hatte.“
(Sarah ist lesbisch: https://www.meintestgelaende.de/2016/05/sarah-ist-lesbisch)
Lesbisch zu lieben und damit anerkannt zu werden muss trotz der eher positiven Erzählungen für Mädchen und junge Frauen nicht unproblematisch sein. Auch in geschlechterpolitischen und Fachdiskursen über Geschlechterverhältnisse und Liebensweisen fällt auf, dass Schwulsein häufig Thema ist, lesbisch lieben aber kaum Erwähnung findet. Es kann sich also auch um einen Verdeckungszusammenhang handeln, der Mädchen davon abhält zu reden.
Heterosexuelle Sexualität zielt auf Geschlechterverhältnisse
Heterosexuelle Sexualität wird auf meinTestgelände selten thematisiert. Wenn, dann geht es oft um Verhütung und Aufklärung. Junge Frauen sprechen in wenigen Beiträgen über ihre eigene Sexualität. Ein drittes, deutlich häufiger auftretendes Thema bezieht sich auf die Ungerechtigkeit, mit der in Familien die Sexualität von Jungen und Mädchen betrachtet wird: Freitheit für Jungen, starke Reglementierung für Mädchen. Darüber spricht der Ich-Erzähler im Slamtext von Memo:
„Als Mann lebst du es nach Lust und Laune aus, es ist alles gut,
wenn du es heimlich tust!
Als Frau schaust du nur drauf,
du bist Verdorben und man nutzt es oft nur aus.
Wichtig ist die Sexualität! Doch wer bringt sie dir bei? Geht das so leicht?
Es fühlt sich an wie ein innerlicher Schrei…
…
Du wächst heran und kommst in die Pubertät, du hast keinen zum Reden und keinen, der dir etwas erzählt.
Alleine stehst du geplagt von Schuldgefühlen. Du darfst nicht lieben,
es wurde für dich so entschieden,
tatest du es doch, wurdest du gemieden.
Ich frage mich, warum wurde Sexualität so verteufelt, warum durfte man nicht darüber sprechen?
ist es nicht normal und angeboren?
…
Die eigene Sexualität darf man nicht verbergen, das gehört nämlich zu unserer Persönlichkeit,
vielmehr sollten wir diesen natürlichen Drang nach Aufklärung versuchen best möglichst zu stillen.
Dies ist ein wichtiger Schritt im Streben nach unserer eigenen Freiheit…“
(Memo: mein Körper, mein Recht: https://www.meintestgelaende.de/2018/04/mein-koerper-mein-recht/)
Sexualität, so beklagt der Ich-Erzähler, wurde ihm schon als Kind als etwas Unreines näher gebracht und formuliert seine Verzweiflung, dass etwas, was schön und natürlich ist, so tabuisiert wird, dass es schwer ist, einen positiven Zugang zu finden. Deutlich wird eine Zerrissenheit zwischen den eigenen Gefühlen und Wünschen und den Geschlechterbildern in der Familie, die Sexualität als etwas Ungleiches zwischen den Geschlechtern und als etwas Unreines beschreibt. Die Auseinandersetzung mit diesen familiären Vorstellungen von Sexualität taucht in vielen Texten auf und zeigt, dass manche Jugendliche Probleme mit familiären Vorstellungen von Sexualität haben, weil sie selbst anders fühlen. Diesbezügliche Beiträgen auf meinTestgelände eignen sich, solche Probleme mit diesem peer to peer Instrument zu thematisieren.
Trans* oder inter* sein verstärkt die Verquickung von Geschlecht und Begehren
Zunächst: trans* und inter* sind zwei vollkommen verschiedene Geschlechter mit unterschiedlichen Auswirkungen auf das Leben. In Bezug auf Sexualität gibt es aber eine Gemeinsamkeit: Andere Menschen erkennen diese Menschen oft nicht in ihrem Geschlecht, können sie nicht eindeutig einem Geschlecht zuweisen oder weisen sie dem falschen Geschlecht zu. Da es für die Sexualität vieler Menschen wichtig ist, welches Geschlecht der_die Partner*in hat, gibt es eine enge Kausalität von Körpergeschlecht und Sexualität. Nev erzählt aus der Perspektive eines trans* Mannes, wie sich das anfühlt.
„Ach, das liebliche Gefühl der Schwärmerei. Man lernt jemanden kennen, findet sich optisch attraktiv und fühlt sich auch durch stundenlange Gespräche oder endliche Nachrichten sehr anziehend. Irgendwann kommt der Punkt, an dem man sich trifft und entweder man kennt sich schon eine Weile oder man sieht sich das erste Mal und weiß noch gar nicht recht, wie der Gegenüber so tickt. Ich bin anfangs eher der schüchterne Typ, der dann aber, wenn ich einmal warm bin, sehr offen und kontaktfreudig ist. Ich kann es nicht pauschalisieren, jedenfalls ist es bei mir so. Prinzipiell ist es für mich kein Problem von meiner Geschichte – meiner körperlichen Besonderheit zu erzählen. Doch bei Frauen, gerade wenn man deutliches Interesse hegt, ist es unheimlich schwer den richtigen Moment abzupassen. Es ist die Angst, alles auf eine Karte zu setzen und das gute Verhältnis eventuell aufs Spiel zu setzen. Sich Chancen zu verbauen und dem aufgebauten Vertrauen einfach ins Gesicht zu schlagen.“ (Nev: Trans* sein im Sommer: https://www.meintestgelaende.de/2019/09/trans-sein-im-sommer/)
Nev berichtet, wie eng er seine Sexualität mit seinem trans* Sein verbunden sah, weil er fürchtete, dass eine Frau wohlmöglich Probleme haben würde mit seinem Körper. Auf meinTestgelände berichtet Nev über viele Jahre immer wieder über seine Transition und auch über die Liebe zu seiner Freundin und welche Bedeutung sein Körper darin spielt. Solche Texte sind gut geeignet, mit Jugendlichen darüber zu sprechen, wie (unterschiedlich) Sexualität und Körper verbunden sind und ob und wie sexuelle Orientierung und Geschlecht zusammen gehören.
Fazit: zuhören, wertschätzen, einsetzen
Wenn wir jungen Menschen einen Ort zur Verfügung stellen, auf dem sie sich wertgeschätzt äußern können, dann sprechen sie über Themen, die sie umtreiben, auch über Sexualität. Ein Onlineportal bietet viele Möglichkeiten, eigene Gedanken und Texte zu teilen: mit Klarnamen oder anonym, als Tatsachengeschichte oder als Erzählung. So können junge Menschen auch Themen artikulieren, die schambehaftet oder schwierig für sie sind. Diese Beiträge wiederum lassen sich erfolgreich als peer to peer Methode in der sexualpädagogischen Arbeit mit jungen Menschen einsetzen: so können Jugendliche über Sexualität sprechen am Beispiel anderer und müssen nicht direkt über das eigene Empfinden sprechen. Aus unserer Erfahrung ist das ein wirksamer Zugang zum Thema. Versuchen Sie´s: www.meinTestgelaende.de
Drin. Claudia Wallner – Projektleitung meinTestgelände