Als wenn es heute einfach wäre – ein Ansatz für homosensible Pädagogik

Schwul gilt noch immer als ein häufig genutztes Schimpfwort unter Jugendlichen, queere Menschen sind Betroffene von Feindlichkeiten, Über- sowie Angriffen und Diskrimierungen, und noch immer sind queere Menschen in Deutschland und anderswo Bürger*innen zweiter Klasse. Was brauchen queere Jugendliche also, um in den kritischen Phasen ihrer Selbstfindung und -entfaltung Unterstützung zu erfahren, was sind ihre Anliegen und worüber schreiben sie? Schauen wir uns hierzu die Berichte der Jugendlichen von mein Testgelände zum Thema Homosexualität an, um ihre Bedürfnisse näher zu beleuchten und daraus Schlüsse für eine homosensible Pädagogik zu ziehen:

Autor Sven Schwarz schreibt in seinem dreiteiligen Beitrag über den mentalen Stress des Coming-Outs. Der erste Teil „Where it all began (Part 1)“ beschreibt ein Doppelleben, dem sich queere Jugendliche ausgesetzt fühlen, während sie ihr inneres und äußeres Coming Out durchleben: Er stellt Fragen um Belügen, Wahrheit, Schuldgefühle und mündet in der Erkenntnis, dass er seine vorgetäuschte Identität irgendwann abgelegen muss, um ein authentisches Leben führen zu können. https://www.meintestgelaende.de/2020/02/where-it-all-began-part-1/

Im zweiten Teil „Part 2: Things are getting better“ zieht Sven Bilanz: er spricht darüber, wie hilfreich Freund*innen und Familienmitglieder sein können, besonders durch eine unaufgeregt-positive Reaktion auf sein Outing, dass jedoch die Meinung anderer Menschen für sein persönliches Glück als Homosexueller Mensch zweitrangig ist. Er hebt vor, wie viel entspannter er ist und auch, wenn er noch nicht am Ende seines Weges angekommen ist, aber er sich freut, seinen gefunden zu haben. „Es fühlt sich so an, als würde ich meinem jüngeren Ich auf den Kopf tätscheln, so wie das Erwachsene eben lehrhaft tun.“ https://www.meintestgelaende.de/2020/03/part-2-things-are-getting-better/

Im abschließenden Teil von Sven Schwarz‘ Bericht „Part 3: It all comes to an end“ rekapituliert er in Rückblick auf die beiden vorherigen Teile: „Ich lese mir die zwei Texte durch. Bin schockiert, wortlos und schlicht ergriffen. Das war wirklich ich selbst? Das waren tatsächlich meine Gedanken? Stolz, ist das erste Gefühl, was mich überkommt. Das zu erreichen, wo ich jetzt stehe.“ – Mittlerweile ist Sven bei allen in seinem näheren Umfeld geoutet und erzählt von seiner Erleichterung, dem Abschütteln der Belastung und der Unterstützung seiner Freund*innen, seiner Familie und seiner Community. Er kann nun bei seinen Lieben er selbst sein und muss sich nicht vor Ablehnung fürchten. https://www.meintestgelaende.de/2020/04/part-3-end/  

Für den spezifischen Blick auf Diskriminierungen einzelner Sexualitäten wirft Autorin Sophia ihren Fokus auf ihre Erfahrungen als Bisexuelle. In „Vorurteile gegenüber Bisexualität“ beschreibt sie ihre Erfahrungen eines komplizierten Coming-Outs, da von Familienmitgliedern ja immer noch auf eine konforme Beziehung gehofft werden darf und damit die Queerness leicht weggeschwiegen werden kann. Auch in diesem Coming-Out berichtet Sophia von der Reaktion ihrer Freund*innen mit einer laissez-faire Attitüde, worüber sie nicht hätte fröhlicher sein können. https://www.meintestgelaende.de/2017/04/vorurteile-gegenueber-bisexualitaet/  

Diskriminierungen, denen insbesondere bisexuelle Menschen ausgesetzt sind, bespricht Sophia im weiteren Verlauf: Der Vorwurf von einer cisheterogeprägten Gesellschaft, Bisexualität sei invalide und nichts weiter als eine Haltestelle zu einer Monosexualität und der implizite Vorwurf der Untreue von Bisexuellen, der unter anderem auch von anderen queeren Menschen kommt. Sie bekräftigt die Erfahrungen und Ängste einzelner, aus denen sie verstehen kann, dass diese Vorurteile entspringen. Dagegen spricht Sophia sich aus, dass solchen Mythen kein Glaube geschenkt werden solle.

Zum Schluss appelliert sie an die Solidarität verschiedenster Menschen mit unterschiedlichen Sexualitäten, und dass sie sich einander unterstützen müssen, um an einer besseren Zukunft ohne Diskriminierung, zu arbeiten.

Der anonymisierte Beitrag, „“Ich bin schwul“ – H. erzählt“ auf meintestlände zeigt die enge Verschlingung von Geschlechtskonformitätserwartungen und Sexualität, besonders für Jungen*. H. öffnet mit „Ich weiß nicht, ob man sagen kann, dass ich ein Mann bin, obwohl ich gerne ein Junge bin“, und erzählt von dem Hinterfragen seines Geschlechtes, aufgrund seiner nichtkonformen Interessen. Ein Junge, der kein Fußball spielt, Gefühle zeigt, weint, wird auch heute noch für weniger männlich gehalten, und hinterfragt aufgrund der Invalidationen seiner Peers sein Geschlecht. H. hat für diese Normen nur Unverständnis übrig,

In der Fortsetzung „H. erzählt – Teil 2“ berichtet H. von seinen Erfahrungen im Rahmen seines Coming Outs mit seinen Eltern. Dieses verläuft nicht gut: Auch hier erzählt H. erneut von den Geschlechtsinvalidationen, die ihm widerfahren, wenn er sich so verhalten würde, wie es ihm gefällt, und nicht wie es von ihm erwartet wird. An einem Neujahrsmorgen nimmt sich H. ein Herz und traut sich, vor seinen Eltern zu sich zu stehen, diese reagieren allerdings mit Unverständnis, Verzweiflung, Vorwürfen, Drohungen und emotionaler Erpressung. „Mein Vater erzählte dann noch, dass Gott alle Lesben und Schwulen verbrannt hat. Ich würde vor Gott wie Dreck dastehen, denn Gott hasst solche Menschen. Ich hab die ganze Zeit daran gedacht, wie man mir erzählt hat, dass Gott alle Menschen liebt. Warum dann mich nicht?“ – Nach dem Outinggespräch wurden H. neue Verhaltensregeln auferlegt, so durfte er seine Zimmertür nur zum Schlafen schließen, seine Duschzeit wurde beschränkt, und er bekam Hausarrest. „Ich habe das irgendwann nicht mehr ausgehalten und ihnen dann gesagt, dass ich mich verändern will und jetzt nicht mehr schwul bin“, war die Option, die H. übrig blieb, um sich in dieser Situation selbst zu schützen. Er nahm sein Outing also zurück und verschloss sich seinen Eltern. Mit der gesetzlichen Volljährigkeit will er ausziehen, und resümiert: „Ich brauche keine Menschen in meinem Leben, die mich nicht mögen, wie ich bin.“ https://www.meintestgelaende.de/2017/10/h-erzaehlt-teil-1/

In Linas Kurzgeschichte „Alex“ erzählt sie von der Protagonistin Susi, die sich vor zwei Jahren als lesbisch geoutet hatte, und ihrer Erfahrung damit, ihr Label aufgrund neuer Erfahrungen zu hinterfragen. Obwohl sie mit 15 feststellte, dass sie sich „für Jungs […] nie interessiert [hat] und merkte selbst, dass sie Frauenvolleyball bei den Olympischen Spielen nicht nur wegen der Technik schaute“, hat Susi bei einer Halloweenparty eine Person mit dem Namen Alex kennen gelernt und sich verliebt, doch erst später von seinem Pronomen erfahren. In einem Twist stellt sich heraus, dass Alex garnicht cis ist, und dadurch Susi ihr Begierde und ihre eigenen Vorurteile überdenkt. Auch wenn Susi vorgeworfen bekam, dass ihr Lesbisch sein nur eine Phase sei, berichtet sie von keinem Schamgefühl dabei, unabhängig von was ihr Gegenüber für ein Geschlecht hat ihre Gefühle erforschen zu wollen. https://www.meintestgelaende.de/2019/11/alex/

Im Videointerview „“Schwul“ als Schimpfwort?!“ von der Onlineredaktion von mein Testgelände wurden Jugendliche auf dem #gelände2016 zu ihren Erfahrungen befragt. Die Jugendlichen berichten davon, dass sie schwul oft noch als Schimpfwort unter Gleichaltrigen hören, ähnlich, wie es auch bei dem Wort behindert der Fall ist, aber wo sie können auch drauf aufmerksam machen, dass das diskriminierende Sprache ist. Hieran lässt sich sehen, dass die Jugendlichen auch die Intersektionalität des Themas Diskriminierung erkennen. https://www.meintestgelaende.de/2016/10/schwul-als-schimpfwort/

In Mares Artikel „Die LGBTQ*-Community und Black Lives Matter: Wo wir stehen sollten“ bespricht sie das Vermächtnis von Marsha P. Johnson und die Stonewall Riots für die queere Community. Auch wenn sich Mythen um den genauen Hergang der Belagerung der queeren Bar in New York ranken, ist Marsha auch heute noch ein Teil dieser Legende um die Geburt der queeren Rechtsbewegung. Marsha war eine schwarze Transfrau und Dragqueen, und Mare fragt, wo die Community heute steht: wie die BiPoC in unserer Community sich fühlen, was ihre Belange sind, und welche Rassismen wir auch innerhalb bestehender Verhaltensstrukturen in der Szene haben und reflektieren müssen. Mare schließt mit den Worten: „Das sind Fragen, die wir uns alle stellen sollten. Und am besten finden wir Antworten, indem wir zuhören. Zuhören, lesen und lernen. Damit wir an einer besseren Zukunft für alle arbeiten können, unabhängig von der Sexualität und dem Geschlecht, aber auch der Hautfarbe, Herkunft und Religion.“ https://www.meintestgelaende.de/2020/07/lgbtq-und-black-lives-matter/

Für die Arbeit mit Jugendlichen zum Thema Homosexualität lassen sich aus den besprochenen Berichten folgende Schlüsse ziehen:

  • Anhand der vielfältigen Berichte zum Thema Outing lässt sich sehen: Das Coming-Out kann und darf für jede queere Person ein individueller Prozess mit verschiedenen Bedürfnissen sein, in jedem Fall jedoch ist es eine Phase mit hohem Stresspotential. Insbesondere sind die Erziehungsberechtigten und das nähere Umfeld an Freund*innen und ihre Reaktionen ausschlaggebend für einen glimpflichen oder unguten Verlauf eines Outings. Hier wünschen sich die queeren Jugendlichen im Outing ein offenes Ohr, Verständnis und Toleranz.
  • Sprache, die auf Queerness in Feindseligkeit abzielt, ist eng verbunden mit einer wahrgenommenen Fehlperformance von Gender, anhand der Berichte insbesondere in Zusammenhang mit Männlichkeitsidealen. Siehe hierzu auch: „Muskeln, Macher und Humor – Männlichkeiten* aus Sicht von 14 Autor*innen“ (https://www.geschlechtersensible-paedagogik.de/einblicke/muskeln-macher-und-humor-maennlichkeiten-aus-sicht-von-14-autorinnen/).
  • Vielfalt in der thematischen Auseinandersetzung mit Queerness ist wichtig: Auch, wenn schwule Jungs und Männer eine dominant vertretene Gruppe mit eigenen Bedürfnissen und Interessen innerhalb der queeren Community sind, haben queere Menschen weitaus mehr Repräsentation als ebengenannte. Lesbische, Bisexuelle, Pansexuelle, A- sowie Demisexuelle, Queers haben unterschiedliche Bedürfnisse und Anliegen, auf die genauso individuell eingegangen werden sollte.
  • Ebenfalls nicht zu unterschätzen ist die Fähigkeit von Jugendlichen, die Intersektionalität einzelner identitätsstiftenden Merkmale zu verstehen und ihre Diskriminierung zu reflektieren. So kann mit Heranwachsenden die Auseinandersetzung mit Abbau von Rassismen, Ableismen und Sexismen auch im Rahmen von Homosensibilität besprochen werden, da nicht nur thematische Überschneidungen in den Ausgrenzungen der -ismen bestehen, sondern auch Verständnis darüber vorherrscht, dass Menschen nicht nur eine Sache allein sein müssen.

Insgesamt ist aus den Befunden zu schließen, dass sich bei homosensibler Pädagogik eine Vielfalt im Ansatz an die individuellen Bedürfnisse einzelner queeren Jugendliche gewünscht wird. In der Praxis kann das von der Begleitung eines Coming-Outs über Elterngespräche bis hin zu einem einfachen offenen Ohr aussehen. Eine Reflektion über die Themen, die mit den Jugendlichen im Gespräch herauskommen, kann auch intersektional gestaltet werden.

Alle Beiträge zu dem Tag ‚Homosexualität‘ auf meinTestgelände: https://www.meintestgelaende.de/schlagwort/homosexualitaet/